Heidelberger Bundeskongress des Fachverbandes Sucht e.V.
„analog – digital: Herausforderungen für die Suchtbehandlung“

Veröffentlicht am 18.06.2019 21:11 von Redaktion RehaNews24

26.- 28. Juni 2019, Stadthalle Heidelberg

Die Digitalisierung verändert zentrale Bereiche unserer Gesellschaft mit unglaublicher Geschwindigkeit. Das deutsche Gesundheitswesen – und damit auch die Suchtkrankenhilfe und -behandlung – stehen vor tiefgreifenden Herausforderungen, womit erhebliche Chancen, aber auch Risiken verbunden sind. Digitalisierung wird zum einen als Hoffnungsträger bewertet, durch welche

  • noch nicht absehbare Möglichkeiten zur Diagnostik, Betreuung und Behandlungshilfen eröffnet werden,
  • sich zusätzliche Möglichkeiten eröffnen, mit dem medizinisch-therapeutischen Fachkräftemangel insbesondere in unterversorgten Regionen umzugehen,
  • die Gesundheit und das Wohlergehen, etwa bei psychischen Problemlagen und Störungen, durch niedrigschwellige Online-Informations- und Beratungsportale zielgruppengerecht gefördert werden können.

Derartige digitale Angebote lassen sich nicht nur im Bereich der Prävention und Frühintervention nutzen, sondern sie lassen sich auch mit bestehenden analogen Behandlungsangeboten und -strukturen vernetzen.

Auf der anderen Seite entstehen vielfältige Herausforderungen hinsichtlich der Digitalisierung. So stellt sich – auch vor dem Hintergrund der mit dem Internet verbundenen Aufhebung nationaler Grenzen – die Frage nach der Qualitätssicherung und Wirksamkeit entsprechender gesundheits- und suchtbezogener Online-Angebote. Des Weiteren ist eine zentrale Frage, wie die Abgrenzung und Vernetzung zwischen Online-Beratung und analoger Behandlung sinnvollerweise erfolgen kann. Hierzu gibt es im internationalen Bereich unterschiedliche Handhabungen und Sichtweisen, wobei fachliche, ethische, ökonomische und versorgungsspezifische Aspekte eine Rolle spielen.

Die Chancen der Digitalisierung nutzen aktuell insbesondere auch Unternehmen, die ursprünglich nicht aus dem Gesundheitswesen stammen, beispielsweise Google und Microsoft. Damit verbunden ist die Frage, ob angesichts der wachsenden Bereitschaft zur Freigabe immer intimerer Daten, insbesondere von solchen, die auch das Wohlergehen und die psychische Gesundheit betreffen, neue ethische Regeln und daran orientierten Rahmenbedingungen für die virtuelle Welt definiert werden müssen.

Auch das Suchthilfe- und Behandlungssystem steht somit vor enormen Herausforderungen.

Der Fachverband Sucht e.V. möchte mit folgenden grundsätzlichen Zielsetzungen zum Thema „Digitalisierung des Gesundheitswesens und der Suchtkrankenhilfe/-behandlung“ dazu beitragen, dass entsprechende Entwicklungen zum Nutzen der Menschen eingesetzt und zusätzliche Chancen eröffnet werden.

Denn die Nutzung von Online-Medien ist in diesem Bereich letztlich nur ein weiteres Mittel zum Zweck der Verbesserung der gesundheitlichen Versorgung und des körperlichen, seelischen und geistigen Wohlbefindens der Menschen.

Ziel 1

Digitalisierung ist so einzusetzen, dass sie die Selbstbestimmung des/der Patienten/in und die Nachhaltigkeit von Interventionen und Teilhabechancen fördert.

Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung über die eigenen Daten ist als grundlegendes Persönlichkeitsrecht zu wahren. Hier sind insbesondere die Politik, aber auch die Entwickler und Anwender digitaler Medien gefordert, entsprechende Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass die erforderlichen datenschutzrechtlichen und ethischen Grundlagen eingehalten und der Missbrauch im Umgang mit persönlichen Daten unterbunden wird. Denn wer die Daten hat, hat die Macht.

Digitalisierung ermöglicht auf der anderen Seite die direkte Zurverfügungstellung relevanter gesundheitsbezogener Informationen, den Einsatz von einfach zugänglichen Screening- und Diagnoseverfahren, die direkte Kontaktaufnahme und unmittelbare Kommunikationswege zwischen Patient/in und Behandler sowie die Brückenbildung an den Schnittstellen der Versorgungs- und Behandlungssysteme, wie auch die Verknüpfung von Präventions-, Beratungs-, Therapie- und Nachsorgeangeboten. Zudem können dadurch die höhere Informiertheit der Patienten/innen sowie ihre Selbstbestimmung gestärkt und die Nachhaltigkeit von Interventionen unterstützt werden.

Ziel 2

Digitalisierung soll so eingesetzt werden, dass die Ärzte/innen/Therapeuten/innen – Patienten/innen-Beziehung gestärkt und die Gesundheit der Patienten/innen tatsächlich verbessert wird.

Internetbasierte Interventionen bieten das Potenzial, zur Verbesserung der psychischen Gesundheit breiter Bevölkerungsschichten beitragen zu können und Menschen in unterversorgten Gebieten zu erreichen. Online-Medien ermöglichen einen niedrigschwelligen und zeitunabhängigen Zugang von Menschen zu gesundheitsrelevanten Informationen.

Angesichts einer Vielzahl gesundheitsbezogener Online-Angebote ist es aber dringend geboten, eine Qualitätssicherung der Informationsplattformen und damit der Präventions-, Interventions-, Beratungs- und Behandlungsangebote im Internet zu gewährleisten. Beispielsweise ist es erforderlich, internetbasierte Selbstmanagementprogramme – auf Basis entsprechend zu erfüllender Güte- und Qualitätskriterien – für ihren Einsatz in der Prävention und Behandlung psychischer Störungen zu überprüfen.

Vertrauenswürdige Seiten sollten als Orientierungshilfe für den Gebraucher von einer dazu autorisierten Stelle ausgewiesen werden.

Ziel 3

Digitalisierung soll dazu beitragen, die Evidenzbasierung einer inter- und multiprofessionell ausgerichteten Behandlung zu fördern.

Es lassen sich online-basierte Unterstützungssysteme entwickeln, die immer den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis nutzen. Zudem können bei Bedarf auch externe Experten/innen im Rahmen einer Behandlung hinzugezogen werden oder evidenzbasierte Apps im Rahmen der Früherkennung (z.B. Hautkrebs, alkoholbezogene Störungen) genutzt werden.

Durch die Verknüpfung wissenschaftlicher Studienergebnisse mit alltagsbezogenen Daten können systematische Zusammenhänge bezüglich des Nutzens einer Behandlung, ihrer Risiken, den Wechselwirkungen (z.B. von Medikamenten) oder auch Zusammenhänge zwischen Lebensqualität, psychischem Befinden und sozialer/beruflicher Teilhabe untersucht werden. Im Bereich der Suchtkrankenhilfe, -behandlung eröffnen sich hierdurch beispielsweise neue Möglichkeiten zur Rückfallprophylaxe im alltäglichen Leben.

Ziel 4

Qualitätsgesicherte digitale Angebote sollten auf der einen Seite Eingang im Rahmen der Prävention und Diagnostik, wie auch in die ärztliche und therapeutische Versorgung finden. Die zunehmende Technisierung erfordert auf der anderen Seite eine Rückbesinnung auf die heilende Kraft menschlicher Nähe und Zuwendung sowie der unmittelbaren persönlichen Begegnung.

Interaktive Apps, Smartphone-gestützte Angebote etc. können zur Stärkung der Arzt-Patienten-Beziehung und zur Förderung eines partizipativen Behandlungsprozesses auf Basis einer entsprechenden Gesundheitskompetenz der Patienten/innen beitragen. Der Mensch ist aber von seinen Grundbedürfnissen und seinen Sinnen her auf den unmittelbaren Kontakt zu anderen Menschen angelegt und ist somit ein soziales Wesen. Digitale Medien sind von daher kein Ersatz für die direkte menschliche Begegnung, denn nur im unmittelbaren Kontakt ist z.B. körperliche Berührung möglich oder werden alle Sinne (incl. Riechen) und unsere Gefühlswelt in umfassender Weise angesprochen.

Zukunftsweisend ist eine Verknüpfung der verschiedenen Angebotsformen. So bietet Blended Intervention die Möglichkeit der Kombination internetbasierter Interventionen mit der Behandlung im unmittelbaren persönlichen Kontakt (z.B. psychiatrisch, psycho-/suchttherapeutisch). Es sind  hierbei unterschiedliche Intensitätsabstufungen hinsichtlich der jeweiligen persönlichen Beteiligung der Therapeuten/innen, Ärzte/innen möglich. Angesichts der vielfältigen Möglichkeiten, die sich im Rahmen der Digitalisierung eröffnen, ist der kluge Einbezug digitaler Angebote in bestehende analoge Behandlungsstrategien gerade bei psychischen und suchtbezogenen Störungen die entscheidende Herausforderung für die Zukunft. Von daher ist wissenschaftlich zu prüfen, ob die Nutzung eigenständiger bzw. zusätzlicher Online-Angebote letztlich auch zur Verbesserung der Versorgung beiträgt und einen Mehrwert für den/die Patienten/in bedeutet.

Evidenzbasierte Online- bzw. analoge und digitale Kombinationsangebote (z.B. zur Prävention, zur Behandlung von Depression, Angststörungen) sollten bei Erfüllung entsprechender Qualitätsanforderungen für entsprechende Zielgruppen (z.B. Lebensalter) und durch Studien belegter Indikationsstellung (z.B. Schweregrad einer Störung) für betroffene Menschen zugänglich gemacht werden und auch im Rahmen der Regelversorgung vergütet werden.

Bei einer voll ausgebildeten psychischen Störung muss auch zukünftig die Gesamtverantwortung für die Behandlung bei einem/r approbierten Psychotherapeuten/in oder Facharzt/Fachärztin liegen. Wirksame Behandlungsansätze der medizinischen (Sucht-)Rehabilitation als Komplexbehandlung mit vielfältigen Modulen sind auch zukünftig erforderlich. Online-basierte Angebote bieten hier insbesondere die Möglichkeit, im Vorfeld und im Anschluss an die Behandlung zur Verbesserung der Übergänge (Vorbereitung, Nachsorge etc.) beizutragen.

 

Korrespondenzadressen:
Dr. Monika Vogelgesang
Mitglied des Vorstands des Fachverbandes Sucht e.V.
Chefärztin
MEDIAN Klinik Münchwies
Turmstraße 50-58
66540  Neunkirchen/Saar
monika.vogelgesang@median-kliniken.de

Dr. Volker Weissinger
Geschäftsführer
Fachverband Sucht e.V.
Walramstraße 3
53175 Bonn
v.weissinger@sucht.de

Der Fachverband Sucht e.V. (FVS) ist ein bundesweit tätiger Verband, in dem Einrichtungen zusammengeschlossen sind, die sich der Behandlung, Versorgung und Beratung von Suchtkranken widmen (s. www.sucht.de). Er wurde 1976 gegründet und vertritt heute ca. 95 Mitgliedseinrichtungen mit über 6.800 stationären und vielen ambulanten Therapieplätzen.

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