Ein „s“ verloren und die Ambulanten gewonnen – Erste Jahrestagung des bus. unter neuer Firmierung

Veröffentlicht am 30.03.2022 20:15 von buss

Dr. Wibke Voigt, Vorstandsvorsitzende des bus., eröffnet die Jahrestagung 2022 in Berlin.

Am 22. und 23. März 2022 fand in Berlin die 106. Wissenschaftliche Jahrestagung des bus. statt. Unter dem Titel „Teilnehmen und teilhaben – Bio-psycho-soziale Suchthilfe in Deutschland“ stellte die Tagung die Suchthilfe als Ganzes in den Mittelpunkt und beleuchtete, ob und wie der Komplexität von Abhängigkeitserkrankungen in unserem multiprofessionell aufgestellten Versorgungssystem Rechnung getragen wird.

Eröffnung
Ein Highlight im Programm war das Grußwort von Burkhard Blienert. Der neue Beauftragte der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen hatte kurzfristig zugesagt. Es war sein erstes Grußwort, das er seit seinem Amtsantritt am 12. Januar in Präsenz vortrug.

Für den bus. war es die erste Jahrestagung unter neuer Firmierung nach seiner Öffnung für ambulante Einrichtungen und die erste Jahrestagung nach zwei Jahren Pandemie. Neben diesen guten Nachrichten erinnerte die Vorstandsvorsitzende Dr. Wibke Voigt in ihrer Eröffnungsrede auch an die Kriegsregionen dieser Welt und bat um eine Schweigeminute für die Opfer des Krieges in der Ukraine und der Krisenherde weltweit sowie für die Verstorbenen der Corona-Pandemie.

„Wir haben ein ‚s‘ verloren und die ambulanten Einrichtungen gewonnen“, führte Dr. Voigt aus. Passend zum neuen Verbandsnamen verglich sie Suchthilfe mit Busfahren: Die Menschen werden abgeholt, wo sie gerade stehen, jede:r kann nach Bedarf und Haltung ein- und aussteigen. Diesen Vergleich griff Burkhard Blienert in seinem Grußwort spontan auf und bot an, „mit dem bus. über die Brücke zu fahren“, eine Brücke zu Politik und Leistungsträgern zu schlagen und die Interessen der Suchthilfe gemeinsam mit ihr zu vertreten. Sein Ziel sei es, mehr Abhängigkeitskranke dazu zu befähigen, die Kontrolle über ihr Leben zurückzugewinnen. Dazu müsse man auch neue Wege finden und vom Abstinenzgebot abrücken. Außerdem möchte er sich für eine nachhaltige Finanzierung der Suchthilfe einsetzen und appellierte an die Suchthilfe, sich aktiv einzubringen.

Anschließend fand die Verleihung des Wolfram-Keup-Förderpreises statt. Geehrt wurden gleich zwei Preisträger: Prof. Dr. Wolfgang Sommer (ZI Mannheim) erhielt den Förderpreis 2020, Lukas Basedow (TU Dresden) den Förderpreis 2022.

Es folgten zwei anregende halbe Tage mit spannenden Themen und lebhaften Diskussionen im Plenum und in den Arbeitsgruppen. Die Teilnehmer:innen genossen den fachlichen und kollegialen Austausch im direkten Kontakt.

Programm 1. Tag
Den Eröffnungsvortrag hielt Prof. Dr. Thorsten Meyer (Universität Bielefeld). Er sprach über die Bedeutung des bio-psycho-sozialen Modells der ICF für die Gesundheitsversorgung und beleuchtete den zentralen Begriff der Teilhabe. In einem versierten und kommentierten Überblick stellte Dr. Clemens Veltrup in seinem Vortrag „Teilnehmen und Teilhaben. Suchthilfe in Deutschland“ sämtliche Faktoren dar, die das Suchthilfesystem in Deutschland ausmachen (Angebot, Inanspruchnahme, Häufigkeit von Suchtproblemen etc.), und nannte auch die Schwachstellen. So ist zwar für fast jeden Hilfebedarf ein passendes Angebot vorhanden, doch der Übergang ist oft schwierig und die Angebotsstruktur sehr komplex. Noch finden zu wenig Betroffene Zugang zu spezialisierten Angeboten. Er plädierte für die Entwicklung von Behandlungspfaden, die statt einer Behandlung innerhalb eines Segments Behandlungssequenzen ermöglichen. Prof. Dr. Beate Muschalla (TU Braunschweig) beschäftigte sich in ihrem Vortrag mit Arbeitsängsten und Arbeitsplatzphobie sowie mit Wegen der Bewältigung.

Die Podiumsdiskussion zum Thema „(Un)Möglichkeit der Forschung zur Wirksamkeit der bio-psycho-sozial ausgerichteten Suchthilfe“ bestritten Prof. Dr. Falk Kiefer (ZI Mannheim), Prof. Dr. Daniel Deimel (Katholische Hochschule NRW) und Prof. Dr. Johannes Lindenmeyer (Medizinische Hochschule Brandenburg). Die Moderation hatte Roland Knillmann (Caritasverband Osnabrück) inne. Auch die Tagungsteilnehmer:innen beteiligten sich rege. Notwendigkeit zur Verbesserung wurde v. a. hinsichtlich der Forschungsgelder und der Zusammenarbeit von Praxis und Forschung gesehen.

Programm 2. Tag
Am zweiten Tag fanden acht verschiedene Arbeitsgruppen statt, aus denen viele Impulse für die praktische Arbeit (z. B. Nahtlosverfahren, Kombi-Behandlungen) und die Verbandsarbeit (Weiterbildung Suchttherapie und Psychotherapie) hervorgingen.

Prof. Dr. Sonja Bröning (Medical School Hamburg) nahm in ihrem Vortrag die Kinder abhängigkeitskranker Eltern in den Fokus. Sie erläuterte, wodurch Entwicklungsrisiken entstehen und welche Schutzfaktoren greifen. Darauf aufbauend stellte sie Ansatzpunkte für präventives Arbeiten mit Kindern und Jugendlichen aus suchtbelasteten Familien vor und beschrieb Ansätze zur Verbesserung der Selbstregulation und der Erziehungskompetenz bei den Eltern. Den Abschluss der Tagung bildete ein Vortrag aus der neurobiologischen Forschung mit Ausflügen in die Geistesgeschichte: Prof. Dr. Dr. Andreas Heinz (Charité – Universitätsmedizin Berlin) referierte über „Suchttherapie im Spannungsfeld von Neurobiologie und Erkenntnistheorie“.

Zufrieden mit der gelungenen Veranstaltung verabschiedete Dr. Voigt die Teilnehmer:innen.

Die nächste Wissenschaftliche Jahrestagung des bus. findet am 22./23. März 2023 in Berlin statt.

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