Susanne Werner

 

Die globalisierte Welt fordert Reha-Kliniken heraus

FRANKFURT. Reha-Kliniken sollten sich im Diversity-Management fit machen, um auf künftige Herausforderungen vorbereitet zu sein. Davon ist der Bielefelder Professor Oliver Razum überzeugt. „Ein kultursensibles Essensangebot sowie Piktogramme zur Orientierung in der Klinik werden nicht ausreichen, um sich auf Menschen mit Migrationshintergrund angemessen einzustellen“, sagte der Arzt und Gesundheitswissenschaftler jüngst auf dem 26. Reha-Kolloquium in Frankfurt. Der Reha-Kongress, der mit 1600 Teilnehmern zum bedeutendsten Reha-Forum in Deutschland zählt, stand in diesem Jahr unter dem Titel „Prävention und Rehabilitation im Zeitalter der Globalisierung.“

Kulturelle Unterschiede unter den Rehabilitanden
Die globalisierte Welt ist in der Rehabilitation längst angekommen. Beispielsweise in der Klinik „Sonnenblick“ der Deutschen Rentenversicherung (DRV) Hessen. Der Anteil an Rehabilitanden mit Migrationshintergrund steigt dort zuweilen auf 30 Prozent an, sagt Chefarzt Dr. Ulf Seifart. Sprachliche und kulturelle Hürden seien dann täglich zu meistern. „Patienten aus Japan und Russland spielen Schmerzen und Beschwerden eher herunter, Menschen aus dem Mittelmeer drücken diese dagegen eher aus“, erzählt Seifart. Da die Rehabilitation vor allem eine „sprechende Medizin“ sei, müssten Ärzte ein „anderes Ohr“ entwickeln, um das jeweilige Verständnis der Erkrankung und die verschiedenen Ausdrucksformen der Patienten einschätzen zu lernen. Die globalisierte Welt bringt aus seiner Sicht viele ethische und religiöse Fragen mit sich, auf die sich die Reha-Kliniken jetzt einstellen müssten.

Migranten sind keine homogene Gruppe
Gesundheitswissenschaftler Razum hält es für besonders wichtig, das Klinik-Personal auf den Umgang mit Patienten aus unterschiedlichen Herkunftsländern umfassend vorzubereiten. Dazu sei es notwendig, den Umgang mit Unterschiedlichkeit systematisch anzugehen. So sollten Beschäftigte in den Kliniken zunächst gemeinsam reflektieren, was sie an dem Verhalten der ausländischen Rehabilitanden als fremd empfinden und was sie irritiert. Des Weiteren seien Aushandlungsprozesse mit den Rehabilitanden nötig, um ihnen zu vermitteln, was in einer Reha möglich ist und was nicht. Schnell könne dies jedoch auch politische und kulturelle Dimensionen haben, weiß Razum. Denn Menschen, die aus ein- und demselben Herkunftsland stammen, seien selten eine homogene Gruppe. Fortschrittlich Denkende, Traditionsverhaftete finden sich ebenso darunter wie streng Religiöse und politische Ideologen. „Es geht darum zu erkennen, dass alle Patienten unterschiedliche Sichtweisen und Bedürfnisse haben. Die kulturelle Prägung ist nur eine davon“, betont der Migrationsexperte.

Moderne Medizin stärkt die Überlebenschancen
Auch die Medizin hat von der Globalisierung profitiert. Zum Beispiel bei den Krebserkrankungen. Therapien, die weltweit in Forschungslaboren entwickelt wurden, verbessern heute die Behandlung und steigern die Überlebenschancen der Betroffenen. Eine besondere Erfolgsgeschichte ist der Kampf gegen den Gebärmutterhalskrebs. Professor Harald zur Hausen, 2008 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet und jetzt Plenarredner beim Reha-Kolloquium, schätzt, dass rund 20 Prozent aller Krebserkrankungen durch Infektionen mit ausgelöst werden. In verschiedenen Studien konnte der Arzt und Forscher nachweisen, dass bestimmte Untergruppen des Humanen Papillomavirus (HPV) sogar ursächlich für die Entstehung des Gebärmutterhalskrebses sind. Auf Basis dieser Erkenntnis wurde ein entsprechender Impfstoff entwickelt. Das Impfen sieht zur Hausen vor allem auch als kostengünstigen, präventiven Ansatz, der insbesondere für ärmere Länder geeignet ist. Gebärmutterhalskrebs zähle in einigen Entwicklungsländern zu den zentralen Todesursachen von Frauen. In Tansania beispielsweise liege die Sterblichkeitsrate sogar über der von Brustkrebs. Weltweit gebe es rund 530.000 neue Infektionen, etwa die Hälfte davon führe zum Tode.

Nach der Krebsdiagnose in der Reha wieder leben lernen
Bei vielen anderen Krebserkrankungen hat die internationale Forschung für deutliche Fortschritte in der Behandlung gesorgt. Während früher eine Krebsdiagnose einem Todesurteil gleichkam, so Onkologe Seifart, überleben derzeit etwa 60 Prozent aller Patienten die Erkrankung, unter den 18-39-Jährigen sogar 80 Prozent. In der Rehabilitation gehe es dann darum, die Betroffenen trotz ihrer Beeinträchtigungen auf die Rückkehr ins „normale“ Leben und damit auch an den Arbeitsplatz vorzubereiten. Die meisten Rehabilitanden strebten dies an, so Seifart, Einzelne haben aber auch andere Erwartungen. „Eine Patientin, die aus Griechenland stammte und 40 Jahre lang in Deutschland gearbeitet hatte, ging davon aus, dass sie nach der onkologischen Reha ihre Rente antreten werde. Dies war aber medizinisch gar nicht indiziert“, berichtet der Onkologe. Rehabilitanden aus anderen Kulturkreisen würden sich hingegen in den Beratungen wundern, dass das deutsche Sozialsystem überhaupt solche Möglichkeiten bereithält.

Globalisierung erhöht den Druck in der Arbeitswelt
Mit der Globalisierung hat sich schließlich auch die Arbeitswelt verändert. In den Unternehmen haben sich die Aufgaben für die Einzelnen deutlich verdichtet, die Termine ballen sich und der Konkurrenz-Druck in den Branchen nimmt zu. Das kommt bei den Beschäftigten an, die dann in der Reha nach individuellen Lösungen für sich suchen. Nötig sei daher, so Seifart, dass die Reha-Kliniken ihre Konzepte und Behandlungsangebote entsprechend weiterentwickeln und vermehrt auf die spezifischen Belastungen der Patienten eingehen. Dies brauche es nicht nur intensivierte ergotherapeutische und psychologische Angebote im Rahmen der medizinisch-beruflich orientierten Rehabilitation (MBOR), sondern auch eine bessere Integration der Sozialberatungen an den Kliniken.

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Wenn Bier und Wein die Reha gefährden

Neue Praxisempfehlungen sollen somatischen und psychosomatischen Reha-Kliniken dabei helfen, frühzeitig einzuschreiten, wenn Rehabilitanden zu viel Alkohol konsumieren.

„Wie oft trinken Sie Alkohol?“ Oder: „Wie viel trinken Sie dann typischerweise?“ Diese Fragen gehören an der Klinik Niederrhein in Bad Neuenahr der DRV Rheinland inzwischen zum Routine-Repertoire bei der Aufnahme. Sie stammen aus den „Praxisempfehlungen zum Umgang mit Suchtproblemen in der somatischen und psychosomatischen Rehabilitation“, die im Frühjahr 2016 veröffentlicht wurde. Hintergrund ist ein Forschungsprojekt, das Professor Oskar Mittag von der Uniklinik Freiburg gemeinsam Chefarzt Dr. Hartmut Pollmann durchgeführt hat.
Ausgeschenkt wird in jedem dritten Klinik-Café
Demnach gibt es in etwa jedem sechsten Haus einen Kiosk, in jedem dritten ein Café, in denen Bier und Wein verkauft werden. Das Angebot allein bewerten die Reha-Forscher nicht als problematisch. Schließlich gibt es auch Forschungen, die insbesondere geringen Mengen Wein eine gesundheitliche Wirkung zuschreiben. Negative Folgen aber hat es, wenn es täglich mehr als ein Glas ist. Der problematische Konsum beginnt bei Frauen beispielsweise mit dem zweiten Glas (0,1 Liter), bei Männern mit dem dritten Glas Wein pro Tag.
Interessant für Mittag und Pollmann war, wie unterschiedlich die nicht auf Sucht spezialisierten Reha-Kliniken mit dem Alkoholkonsum ihrer Patienten umgehen. 39 Prozent der Einrichtungen gaben an, maßvolles Trinken zu tolerieren, 61 Prozent unterbinden dies strikt. 74 Prozent haben für die Beschäftigten klare Regeln und in 42 Prozent der Einrichtungen wird kontrovers über die Strategie diskutiert. Auffällig war, dass 80 Prozent der befragten Chefärzte angaben, mit dem Alkoholkonsum ihrer Patienten zuweilen ein Problem zu haben. 85 Prozent von ihnen sahen es auch als ihre Aufgabe an, einen riskanten Alkoholkonsum ihrer Patienten zu thematisieren – auch wenn in der Klinik Suchterkrankungen gar nicht behandelt werden.
Reha-Forscher werten Komplett-Verbot als unrealistisch
Mittag und Pollmann haben es für unrealistisch, den Rehabilitanden jeglichen Alkoholgenuss zu verbieten. Vielmehr sollte der Umgang mit Suchtmitteln von Anfang thematisiert und abgefragt werden. Screening-Fragen, die gleich bei Reha-Antritt eingesetzt werden, bilden dazu die Grundlage. Sie sind ein Teil einer umfassenden Diagnose, in die auch Laborwerte sowie das soziale Verhalten einbezogen werden. Danach ist zuallererst zu prüfen, ob die Reha-Ziele erreicht werden können, ohne das Suchtverhalten zu verändern. Liegt der Alkoholkonsum jedoch im riskanten Bereich, sollte der Rehabilitand damit konfrontiert werden und gegebenenfalls gemeinsam mit ihm an einer Verhaltensänderung während des Reha-Aufenthalts gearbeitet werden.
Dazu empfehlen die Studienleiter eine „Kurzintervention“ nach dem „FRAMES“-Verfahren. Die Abkürzung stammt aus dem Englischen und die einzelnen Buchstaben stehen für Rückmeldung (Feedback), Verantwortung (Responsibilty), Ratschlag (Advice), Auswahl (Menue), Empathie (Empathy) und Selbstwirksamkeit (Self-Efficacy). Für das Vorgehen bedeutet dies, dem Patienten zunächst die eigenen Befunde und Beobachtungen zu vermitteln, seine Eigenverantwortung zu betonen und ihm klare, umsetzbare Vorschläge zu machen, wie er sein Verhalten verändern könnte.

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Präventionsgesetz: Rückenwind für mehr Zusammenarbeit

Gesetzliche Rentenversicherung (DRV), Krankenversicherung (GKV) und Unfallversicherung (GUV) müssen in den Unternehmen künftig verstärkt zusammenzuarbeiten. Auslöser ist die Bundesrahmenempfehlung zum Präventionsgesetz, die die Nationale Präventionskonferenz im Frühjahr vorgelegt hat. Das Handlungsfeld „Gesund leben und arbeiten“ ist darin als eines von drei Zielen formuliert. DRV, GKV und GUV sollen demnach den Arbeitsschutz, das Eingliederungsmanagement und die Gesundheitsförderung im Betrieb systematisch institutionalisieren und miteinander verzahnen. Dazu seien nicht nur die vorhandenen Strukturen zu nutzen. „Unabdingbar“ sei auch, relevante Beteiligte wie beispielsweise die Betriebsärzte frühzeitig einzubeziehen. GKV, GUV und DRV sollen sich zudem wechselseitig über die Vorhaben in einem Betrieb informieren sowie den jeweils ande-ren Partner bei Bedarf und „im Benehmen mit dem Betrieb“ einbinden.

Klar ist, dass das Präventionsgesetz die klassische Reha verändern wird. Gundula Roßbach, Direktorin der DRV Bund, betonte beim diesjährigen Reha-Kolloquium, dass der Grundsatz ,Reha vor Rente‘ zunehmend in ,Prävention vor Reha vor Rente‘ erweitert werde. Und Marion Kalwa, Dezernentin bei der DRV Bund, verweist darauf, dass die DRV seit 2009 den gesetzlichen Auftrag habe, präventive Angebote im Sinne einer „Risiko-Prävention“ aufzubauen. Rund 200 Angebote seien entwickelt, etwa 4.350 Männer und Frauen bislang erreicht worden. Das DRV-Rahmenkonzept zur Prävention von 2012 setzt auf die Klassiker der Gesundheitsförderung: Die Teilnehmenden reflektieren den eigenen Lebensstil, erfahren, wie sie sich gesünder ernähren können, trainieren Ausdauer und Kraft. Sie lernen mit Stress und seelischen Belastungen achtsam umzugehen und üben sich in Entspannungstechniken. „Die Pilotprojekte sind mittlerweile umfassend evaluiert worden. Jetzt wollen wir die bewährten Angebote flächendeckend ausrollen“, sagt sie.

Mit der Prävention rücken verstärkt jene Erwerbstätigen in den Blick, die aktuell keinen Reha-Bedarf haben,jedoch belastenden Gesundheitsrisiken ausgesetzt sind. Sie sollen vor allem über die Werks- und Betriebsärzte erreicht werden. Während die GKV laut Bundesrahmenempfehlung vor allem die Unternehmen dabei unterstützen soll, Strukturen für innerbetriebliche Gesundheitsförderung aufzubauen und entsprechende Prozesse auf den Weg zu bringen, steht die „Vernetzung und aktive Zusammenarbeit mit Haus-, Werks- und Betriebsärzten“ explizit auf der To-Do-Liste der DRV. Experten gehen davon aus, dass Werks- und Betriebsärzte noch mehr als Lotsen und Berater gebraucht werden, die ihre Klienten zwischen präventiver Gesundheitsförderung, ambulanter Versorgung, Arbeitsmedizin und Rehabilitation die richtigen Wege weist. Dr. Agnes Evenschor-Ascheid, Arbeitsmedizinerin vom Medizinischen Zentrum der StädteRegion Aachen, sieht im Gesetz die Chance, die betriebliche Gesundheitsförderung in den Unternehmen zu intensivieren. „Wir müssen Mitarbeiter und Arbeitgeber davon überzeugen, dass frühzeitige präventive Angebote und Maßnahmen besser sind als lange Arbeitsunfähigkeitszeiten“, sagt sie.

Ein Modell, wie GKV und DRV bei der Prävention künftig Hand in Hand arbeiten können, ist das Präventionsprogramm „Plan Gesundheit“. Die DRV Rheinland und die Pronova BKK haben es gemeinsam entwickelt und 2011 an drei Chemiestandorten gestartet. Der zentrale Baustein des Programms ist die Kombination aus Gruppentraining und Begleitung durch einen „Präventionsmanager“. Die Initial- und Trainingsphase zu Beginn findet unter der DRV-Regie in einer ambulanten Reha-Einrichtung statt. Der Präventionsmanager steht den Teilnehmenden in den folgenden mehrmonatigen Bestätigungs- und Eigenverantwortungsphasen zur Seite und wird von GKV-Seite gestellt und finanziert.

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Reha-Experten fordern bessere Versorgung psychisch Kranker

Augsburg. Psychische Erkrankungen werden in Deutschland zu spät erkannt und nicht angemessen behandelt. Darauf verwiesen mehrere Experten beim 24.Rehabilitationswissenschaftlichen Kolloquium vorige Woche in Augsburg.

Laut Professor Hans-Ulrich Wittchen, klinischer Psychologe und Epidemiologe an der TU Dresden, verstreichen durchschnittlich 11,6 Jahre zwischen dem Auftreten der ersten Symptome und Therapiebeginn. Nach Daten des epidemiologischen Gesundheitssurvey litten 2010 rund 28 Prozent der Bevölkerung an einer psychischen Störung. Mehr als zwei Drittel der Betroffenen hatten zwei oder mehrere Diagnosen. „Die Komorbidität ist heute der Normalfall“, sagte Wittchen. Angesichts des Ausmaßes und der Komplexität der langfristigen psychosozialen Behinderungen, die sich aus psychischen Störungen ergeben, seien umfassende rehabilitative Maßnahmen oft unerlässlich.

Professor Jürgen Bengel, Arzt und Psychologe an der Universität Freiburg, betonte die Wirksamkeit der psychosomatischen Reha. Chronische körperliche Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Diabetes gingen häufig mit psychischen Belastungen und Störungen einher. Bengel forderte unter anderem auch eine intensivere Zusammenarbeit der Rehabilitation mit Allgemeinmedizinern und Betriebsärzten. Das Angebot einer stationären Rehabilitation sei „unverzichtbar“.

Professor Ulrich T. Egle, ärztlicher Direktor der Fachklinik Kinzigtal in Gengenbach, kritisierte, dass chronische Schmerzpatienten oftmals Schmerzmittel und Opiate erhalten würden, aber seltener eine Psychotherapie. Niedergelassene Schmerztherapeuten müssten stärker die Vorgänge im Gehirn berücksichtigen, die entscheidend für das Schmerzempfinden seien. „Chronische Schmerzen sind selten Warnsignale einer Gewebsschädigung, sondern meist Ausdruck einer traumatischen Erfahrung“, sagte Egle. Betroffene Patienten seien daher verstärkt mit psychotherapeutischen Methoden wie etwa einer Traumatherapie zu behandeln. „Bei chronischen Schmerzpatienten fängt die Reha das auf, was im ambulanten Bereich versäumt wurde“, sagte Egle.

Das Reha-Kolloquium ist mit rund 1500 Teilnehmern aus Wissenschaft, Medizin, Verwaltung und Praxis der bedeutendste Reha-Forschungskongress in Deutschland. Psychische Erkrankungen standen dieses Jahr im Mittelpunkt der Tagung.

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Reha-Forschung: Online-Therapien füllen Versorgungslücken

BERLIN/ LÜNEBURG. Internetbasierte Gesundheitsinterventionen könnten künftig ein wichtiger Baustein in der Reha-Versorgung sein. Studien der Leuphana-Universität Lüneburg zeigen, dass die Angebote vor allem jene ansprechen, die sonst unerreichbar wären: „Zu den zentralen Nutzern zählen Menschen mit einem dichten Alltag, die kaum andere Angebote annehmen können. Es sind oft mehrheitlich Frauen, meist um die 40 Jahre alt, in der Regel berufstätig und oft  auch alleinerziehend“, sagt Dr. David Daniel Ebert, Psychologe in Lüneburg. Der Reha-Forscher ist überzeugt: „Mithilfe der modernen Medien erreichen wir sehr viel frühzeitiger belastete Arbeitnehmer und  auch jene, die keine Rehabilitation aufsuchen würden.“

Neuer Zugangsweg über Kommunikationstechnik

leupharnaDie Intervention via Internet bricht mit einer lang gehegten Überzeugung – nämlich, dass nur der direkte Kontakt von Mensch zu Mensch hilft, damit Betroffene wieder aus Krisen finden. Die Forschungen an der Leuphana-Universität Lüneburg zeigen, dass die Kommunikationstechnik den Patienten vor allem einen weiteren Zugangsweg anbietet. Ebert leitet aktuell mehrere Studien zu internetbasierten psychologischen Interventionen und wurde 2014 auch mit dem Förderpreis 2014 der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT) ausgezeichnet.

Wie Patienten online begleitet und therapiert werden können, ist seit Jahren ein zentrales Thema in der Reha-Forschung. Vorbilder sind die Gesundheitssysteme in Großbritannien, Holland und Australien, wo Online-Angebote längst ein Bestandteil der Regelversorgung sind. In Deutschland gilt nach wie vor das Fernbehandlungsverbot. Demnach darf eine Therapie bislang nur zu Forschungszwecken ausschließlich online erfolgen. Und dies, obwohl längst belegt ist, dass internetbasierte Interventionen wirksam sind, psychisch-belasteten Patienten frühzeitig helfen und Versorgungslücken schließen.

Kommunikation über ein Tagebuch im Web

Reha-Forscher der Hochschule Leipzig haben zum Beispiel mit http://lebensstil-aendern.de/ ein Forum geschaffen, auf dem sich Patienten informieren und untereinander  austauschen können. Andere Projekte versuchen therapeutische Sitzungen im Internet abzubilden und setzen dazu E-Mail oder Chat-Programme ein. So begleitete ein Therapeuten-Team der Universität Mainz zwölf Wochen lang Rehabilitanden aus der Psychosomatik, Orthopädie und Kardiologie übers Internet, um den Reha-Erfolg zu sichern und den Weg in den Alltag zu ebnen. Die Patienten waren unter anderem eingeladen, ein Mal pro Woche schwierige Erlebnisse aus ihrem Arbeitsalltag in einem Webtagebuch zu schildern. Die Psychologen kommentierten die eingegangenen Einträge gemäß der supportiv-expressiven Therapie (SET) und vermittelten den Rehabilitanden darin neue Sichtweisen und Lösungswege zu ihren beruflichen Problemen.

Bewährte kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze eignen sich besonders für den Einsatz im Internet: Sie lassen sich leicht in Trainingsmodule übersetzen, die zu den Symptomen informieren, Impulse für eigene Übungen geben und Techniken vermitteln,  wie Probleme zu bewältigen sind.  Als zentrale Anwendungsfelder sieht Ebert die Nachsorge und die Prävention. Online-Programme könnten beispielsweise auf einen stationären Aufenthalt vorbereiten und Wartezeiten überbrücken. Zuvor definierte Risikogruppen könnten  profitieren, wenn sie mit evidenzbasierten Selbsthilfeprogrammen an der Bewältigung ihrer Beschwerden arbeiten.

Problemlösetraining im Internet speziell für Lehrer

Leif Boß, ebenfalls Wissenschaftler an der Leuphana-Universität Lüneburg, hat beispielsweise ein internetbasiertes Problemlösetraining evaluiert, mit dem psychisch beanspruchte Lehrerinnen und Lehrer selbst  ihr Verhalten trainieren können. Sechs Module zeigen auf, wie sie Probleme lösen können und kognitive Techniken helfen ihnen, Stresssituationen umzudeuten und zu bewältigen. In der randomisiert kontrollierten Studie wurde die  Interventionsgruppe mit einer Wartekontrollgruppe verglichen. Das Ergebnis: Bereits nach sieben Wochen hatte die Interventionsgruppe eine geringere depressive Symptomatik und war vermehrt fähig, wahrgenommenen Stress und emotionale Erschöpfung zu balancieren sowie auftretende Herausforderungen zu bewältigen. Die Effekte waren auch in folgenden Katamnesen nach drei und sechs Monaten messbar.

Gesundheitsbezogene Online-Angebote sind örtlich unabhängig und rund um die Uhr nutzbar.  Das komme, so Ebert, den Bedürfnissen bestimmter Patienten entgegen. „Online-basierte Gesundheitsinterventionen sollten in Zukunft zu einer Reha-Behandlung gehören“, sagt er. Die IT-Technik könne besonders jene Therapien ergänzen, die den Patienten ein großes Maß an Selbststeuerung abverlangen.

Unter „Get.ON – Gesundheitstraining online“ (www.geton-training.de) können sich Interessierte für eine kostenlose Teilnahme vormerken lassen.

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Wenn der Betrieb zur Reha einlädt

Das Betriebliche Eingliederungsmanagement hilft weiter, wenn Beschäftigte länger krank sind und sich von einer gesundheitlichen Krise nicht dauerhaft erholen.

Wie zum Beispiel Günter Kunst (Name geändert). Der Mittfünfziger arbeitet seit 28 Jahren in der Produktion der Freudenberg Vliesstoffe SE & Co.KG in Kaiserslautern. Er steuert dort riesige Maschinen, mit denen Vliesstoffe produziert werden. 2013 aber war für ihn ein besonderes Jahr. Eine schwere gesundheitliche Krise liegt hinter ihm – und die Firma hat ihn dabei unterstützt, diese zu meistern. „Das BEM war meine Chance, ich bin unendlich froh darüber“, sagt er.

BEM heißt ausformuliert „Betriebliches Eingliederungsmanagement“. Das mag sperrig klingen, aber das damit verbundene Angebot überzeugte nicht nur Günter Kunst, sondern auch Bernhard Biehler, Personalleiter des Industriebetriebes. Er nutzt das Programm der Deutschen Rentenversicherung Rheinland-Pfalz inzwischen, um – wie er sagt – „die Leistungsfähigkeit der Belegschaft für die Zukunft zu sichern.“ Schließlich erhalten Beschäftigte, die innerhalb eines Jahres mehr als sechs Wochen krank sind, bei Bedarf einen mehrwöchigen Aufenthalt in einer Reha-Klinik, um gesundheitlich wieder aufzutanken. Sie lernen dort, ihre Lebensweise zu hinterfragen und erhalten Impulse, wie sie ihr Verhalten ändern und ihre Gesundheit fördern können.

Seit 2008 baut die Deutsche Rentenversicherung Rheinland-Pfalz das Betriebliche Eingliederungsmanagement unter dem Titel „BEM für Klein- und Mittelbetriebe“ als Praxismodell aus. Mit dem Angebot sollen speziell kleinere und mittlere Unternehmen unterstützt werden, gesundheitliche Gefährdungen der Arbeitnehmer frühzeitig zu entdecken. Zentrale Anlaufstelle beim Betrieblichen Eingliederungsmanagement sind die Mitarbeiter der Servicestelle des Rentenversicherungsträgers. Sie stehen als persönliche Ansprechpartner sowohl dem Betrieb wie auch dem Versicherten zur Seite, organisieren die Untersuchung in der ärztlichen Gutachterstelle vor Ort oder in einer Reha-Klinik und unterstützen auch bei der Klinikauswahl, falls der Beschäftigte eine stationäre Rehabilitation benötigt. „Ziel ist es, rechtzeitig gegenzusteuern, damit der Arbeitsplatz erhalten bleibt“, sagt Jürgen Neubauer, Ansprechpartner für Arbeitgeberangebote der Deutschen Rentenversicherung Rheinland-Pfalz. Mit 16 Behörden oder Unternehmen arbeitet die Deutsche Rentenversicherung Rheinland-Pfalz mittlerweile zusammen – vom Kleinstunternehmer und bis hin zu mittelständischen Betrieben.

Auch Günter Kunst ließ sich in der Servicestelle beraten und in einer Reha-Klinik untersuchen. Die Gespräche überzeugten ihn schließlich, seinen Lebensstil grundlegend zu ändern und dafür zum Einstieg eine stationäre Rehabilitation zu machen. Heute sorgt Günter Kunst mit Nord-Walking für den Ausgleich und achtet auf seine Ernährung.  „In der Reha habe ich gelernt, wie ich für mich sorgen kann, und was mir gut tut, wenn ich angespannt bin“, sagt er.

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Reha-Forschung: Gute Kommunikation senkt Fehlzeiten

Berlin/ Bad Rothenfelde. Rehabilitanden, die ihren Kontakt zum behandelnden Arzt oder Therapeuten sehr positiv einschätzen, profitieren mehr von einer Rehabilitation als Patienten, die diesen weniger positiv oder negativ bewerten. „Gute Gespräche mit Ärzten und Therapeuten wirken sich – auch langfristig – auf messbare Behandlungsergebnisse aus: Wird der Kontakt positiv eingestuft, leiden Patienten sechs Monate nach der Entlassung weniger unter ihren Schmerzen, sind seltener depressiv verstimmt und kürzer krankgeschrieben“, sagt Dr. Susanne Dibbelt vom Institut für Rehabilitationsforschung Norderney mit Sitz in Bad Rothenfelde. Die Diplom-Psychologin hat in mehreren rehabilitationswissenschaftlichen Studien belegt, dass die Qualität der Kommunikation auch einen Einfluss auf den langfristigen Reha-Erfolg hat.

Mit ihrem Team befragt sie dabei sowohl die behandelnden Ärzte wie auch die Patienten. „Wir waren selbst erstaunt über das Ausmaß der Effekte. Ärzte und Patienten schaffen in den Gesprächen offenbar etwas Eigenes und Neues, was nicht allein durch Patienten- oder Arztmerkmale wie etwa Art und Schwere der Erkrankung, Bildungsstand oder ähnliches erklärbar ist. Die Kommunikation ist ein eigenständiger Faktor, der sich auf den Krankheitsverlauf auswirkt“, erklärt Dr. Dibbelt. Neben der Qualität der Kommunikation sei auch die Passung der Kommunikationsstile wichtig: Während der eine schnell zu einem Ergebnis und Abschluss des Gespräches kommen will, so die Reha-Psychologin, braucht der andere mehr Details und Austausch. Diese unterschiedlichen Bedürfnisse zu erkennen und sich im Gespräch auf sie einzustellen, gehört ebenfalls zur Aufgabe eines professionellen Kommunikators. „In unseren Projekten erfassen wir diese Faktoren mithilfe von Fragebögen, die von Patienten und Behandlern ausgefüllt werden, und können so der Frage näher kommen, was gute Kommunikation zwischen Arzt und Patient ausmacht“, sagt die Projektleiterin.

Die oben genannten Ergebnisse stammen aus dem P.A.INT Projekt (Patient-Arzt-Interaktion), in dem 60 Ärzte und 470 Patienten aus sieben Reha-Einrichtungen ihre gemeinsamen Gespräche hinsichtlich der genannten Aspekte bewertet haben. Später wurden die Ärzte gezielt zu den Aspekten trainiert, die laut den Gesprächsbewertungen zu verbessern waren. Der P.A.INT- Fragebogen erfasst die Aspekte „emotionale Beziehungsgestaltung“, „Partizipation“ und „Verständlichkeit der Information“ mit insgesamt 48 Items. Eine analoge Studie zur Optimierung der Pflegerischen Patientenkontakte  führt das Team um Susanne Dibbelt derzeit mit 120 Pflegekräften und 2400 Patienten in sechs Reha-Einrichtungen durch. Die naturwissenschaftliche Orientierung des Medizinstudiums führe dazu, so Dr. Dibbelt, dass die Ausbildung kommunikativer Fertigkeiten und die besonderen Erfordernisse in der Rehabilitation zu kurz kommen. Dies ändere sich erst langsam durch neue Studienordnungen, nach denen die Kommunikation mit Patienten praktisch trainiert werden muss und auch Gegenstand von Prüfungen ist. „Auch die Arbeitsorganisation hat Einfluss darauf, wie gut die Kommunikation funktioniert. Informationen aus den Patientengesprächen müssen im Team verständlich und professionell ausgetauscht werden. Die Balance zwischen Vertraulichkeit und Transparenz zu halten, ist dabei eine weitere Herausforderung“, fasst Dr. Susanne Dibbelt zusammen.

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