Donnerstag, April 9th, 2020

 

Starke Stimmen für die Vorsorge und Reha von Müttern, Vätern und Kindern

BDPK unterstützt Petition

Berlin, 09. April 2020 – Vorsorge- und Reha-Einrichtungen für Mütter, Väter und Kinder stehen mit all ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln bereit, um die Krankenhäuser in der Zeit der Corona-Epidemie bei der Versorgung der Patienten zu unterstützen. Von vielen Bundesländern sind die Einrichtungen fest in die Pandemie-Pläne eingeplant und wollen der ihnen übertragenen Verantwortung nachkommen. Diese wichtigen Strukturen drohen nun aber wegzubrechen, weil die gesetzlichen Grundlagen zur Inanspruchnahme und wirtschaftlichen Sicherung auf Bundesebene fehlen. Hier besteht dringender Handlungsbedarf – Vorsorge- und Reha-Einrichtungen für Mütter, Väter und Kinder müssen unter den Rettungsschirm des COVID-19-Krankenhausentlastungsgesetz aufgenommen werden.

Mit Petitionen verschaffen sich die Einrichtungen nun Gehör. David Oesterdie, ein Vater, der im Rahmen einer Vater-Kind-Maßnahme selbst große Unterstützung erfahren durfte, hat eine solche Petition ins Leben gerufen.: „Mutter-Vater-Kind-Kliniken bieten wichtige Hilfen für Familien und sind für unsere Gesellschaft unverzichtbar. Gerade in der aktuellen Situation und nach der Corona-Krise brauchen wir diese Strukturen mehr denn je!”, so Davied Oesterdie. Bereits über 6.500 Personen haben ihre Solidarität mit den Vorsorge- und Reha-Einrichtungen für Mütter, Väter und Kinder gezeigt und die Petition „Mutter-/Vater-Kind-Maßnahmen in Gefahr. Sofort auch ein Rettungsschirm für Mutter-/Vater-Kind-Klinik“ unterzeichnet.

Die Petition macht deutlich, in welch absurder Situation sich Vorsorge- und Reha-Einrichtungen für Mütter, Väter und Kinder aktuell befinden. Von den Bundesländern haben sie die Anordnung erhalten, alle Mütter, Väter und Kinder aus ihren Einrichtungen zu entlassen und keine weiteren für Vorsorge- und Reha-Maßnahmen mehr aufzunehmen, um alle Kapazitäten für die stationäre Versorgung von Patienten aus Krankenhäusern nutzen zu können. Die Legitimation zur Behandlung akutstationärer Patienten auf Bundesebene über das COVID-19-Krankenhausentlastungsgesetz existiert jedoch nicht. Mit dem Abbruch der Vorsorge- und Reha-Maßnahmen ist auch die Vergütungsgrundlage der Einrichtungen zerstört, sodass die unabhängig von der Schließung weiter anfallenden Personalkosten und Fix-Kosten zur Aufrechterhaltung der Infrastruktur, nicht mehr gedeckt werden können. Wenn die Liquidität und der wirtschaftliche Bestand der Einrichtungen nicht kurzfristig gesichert werden, wird das schwerwiegende Folgen für die Bewältigung der Corona-Krise und die zukünftige Patientenversorgung haben.

Der BDPK unterstützt die Einrichtungen in ihrem Kampf und fordert den Gesetzgeber auf, die Vorsorge- und Reha-Einrichtungen für Mütter, Väter und Kinder als Partner in der Corona-Krise nicht zu vergessen.

Der Bundesverband Deutscher Privatkliniken e.V. (BDPK) vertritt seit über 70 Jahren die Interessen von mehr als 1.000 Krankenhäusern und Rehabilitationskliniken in privater Trägerschaft. Als deutschlandweit agierender Spitzenverband setzt er sich für eine qualitativ hochwertige, innovative und wirtschaftliche Patientenversorgung in Krankenhäusern und Rehabilitationskliniken ein.

Weitere Informationen: www.bdpk.de

 

Quelle: BDPK, 09.04.2020

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BFW-Experten: Autismus auch als Chance begreifen

Autismus auch als Chance für den Arbeitsmarkt entdecken. © Brett Jordan/unsplash.com
Autismus auch als Chance für den Arbeitsmarkt entdecken. © Brett Jordan/unsplash.com

Autismus auch als Chance für den Arbeitsmarkt entdecken. © Brett Jordan/unsplash.com

Am 2. April 2020 war der Weltautismustag. Aufgrund der Krise um Covid-19 wurden die Maßnahmen in allen Einrichtungen des Berufsförderungswerkes Leipzig (BFW Leipzig) an den heimischen Arbeitsplatz der Teilnehmerinnen und Teilnehmer verlagert. Diese veränderte Situation ist besonders für Menschen mit Autismus eine Herausforderung.

Pro Jahr weisen mehr als 20 aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Beruflichen Trainingszentrum Leipzig (BTZ Leipzig) die Entwicklungsstörung Autismus auf. Die jungen Menschen im Alter zwischen 15 und 25 Jahren können schwer soziale und emotionale Signale einschätzen. Sie haben Probleme, auf Gefühle anderer Menschen einzugehen. Ihr Verhalten auf soziale Situationen ist oft anders, als es die Umwelt von ihnen erwartet. Dadurch fällt es Autisten schwer, sich im Lebens- und Arbeitsalltag zurecht zu finden und sich zu integrieren. Das Bundesumweltamt spricht davon, dass keine Zahlen über die Häufigkeit von Autismus in Deutschland vorliegen. „Derzeit wird eine weltweite Prävalenz von 0,6 % – 1 % angenommen. Bei Jungen tritt Autismus viermal häufiger auf als bei Mädchen.“

Im BTZ Leipzig ist man seit mehr als drei Jahren darauf spezialisiert, durch Stabilisierungs- und Integrationsmaßnahmen Menschen mit psychischen Erkrankungen einen Weg in Arbeit aufzuzeigen. Das multiprofessionelle Team im BTZ Leipzig hat einen Ansatz gefunden, die jugendlichen Autisten individuell auf die für sie so bunte und damit unstrukturierte, sich täglich verändernde Arbeitswelt vorzubereiten. „Gerade bei jungen Menschen haben wir die Chance, sie auf viele Dinge in ihrer Umwelt so einzustellen, dass es ihnen leichter fällt, sich zu integrieren“, weiß Thomas Eilers aus seiner täglichen Arbeit als Bildungsbegleiter im BTZ Leipzig zu berichten.

Oftmals wird Autismus im Kinder- und Jugendalter nicht erkannt. Probleme mit stundenlangem Stillsitzen und der damit einhergehenden motorischen Unruhe werden von ungeschulten Lehrkräften als Störbilder wie ADHS fehlinterpretiert. Der Lebensweg scheint vorgezeichnet. Hinzu kommen Probleme in der Familie, die oft auch mit der Situation überfordert sind und keine Hilfestellung bieten noch suchen. Hieraus ergeben sich weitreichende Folgen für den Zugang auf den Arbeitsmarkt.

Es ist ein tägliches Herantasten an die Jugendlichen, die wegen psychischer Erkrankungen spezielle Maßnahmen der Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme (kurz BvB) und der Inklusionsgestützten Erstausbildung (IngE) im BTZ Leipzig belegen. „Dabei stellen die Autisten eine kleine, aber besondere Gruppe für uns dar“, erklärt Christin Lippmann, Sozialpädagogin im BTZ Leipzig. Und doch werden die jungen Leute mit der besonderen Entwicklungsstörung gemeinsam mit den anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern in Gruppen integriert. „Wir trainieren dadurch die soziale Interaktion und die soziale Kompetenz mit allen“, sagt die Sozialpädagogin. So fühlen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Autismus angenommen, trainieren mit anderen in einer Kleingruppe von acht bis zehn Personen. Man muss jedoch vieles dabei beachten: „Es braucht eigene Kommunikationsformen in der Stoffvermittlung. Autisten haben Probleme mit der Reizüberflutung, die sie in unserer Welt umgibt. So dunkeln wir die Räume ab, wenn die Sonne zu sehr einstrahlt. Die Arbeitsplatzbereiche bieten weniger Ablenkung. In Lehrbüchern decken wir beispielsweise Bilder zu, um die Konzentration ausschließlich auf die Texte zu lenken“, weiß Christin Lippmann zu berichten. Das erdrücke die jungen Leute nicht so sehr, denn Ablenkung könne demotivieren, so ihre Erfahrungen aus der Praxis.

Die aktuelle Krise um das Covid-19-Virus stellt auch für Menschen mit Autismus eine besondere Herausforderung dar. Die Alltagsstruktur, die bislang durch den Weg zum BTZ Leipzig und die Vorgaben von Unterricht, Trainings- und Beratungen geprägt war, ist unterbrochen worden. „Viele unserer Autisten können sich schwerer als andere in dieser Situation zurecht finden“, erläutert Marko Daubitz. Er leitet das Berufliche Trainingszentrum. „Sie sind nur mit hoher Anstrengung und Unterstützung in der Lage, sich ihren nun veränderten Tagesablauf zu organisieren. Besonders wird uns dies in den Beratungsgesprächen deutlich. Wir versuchen gegenzusteuern. Die Aufgaben, die wir ihnen geben, sind viel strukturierter und orientieren sich an einem festen Zeitplan, welchen wir mit den Teilnehmern abstimmen. In den psychologischen Betreuungsgesprächen nutzen wir eine videogestützte Online-Sprechstunde, um so die Kommunikation mit den Teilnehmern sicherzustellen. So geben wir unseren jugendlichen Autisten über die Ferne Halt.“

Der eingeschlagene Weg ist der Richtige. Darin sind sich nicht nur Christin Lippmann und Thomas Eilers mit ihrem Fachbereichsleiter Marko Daubitz einig. Das gesamte multiprofessionelle Team aus Bildungsbegleitern, Ausbildern, Trainern, Sozialpädagogen, Psychologen, Ergo- und Sporttherapeuten war an der Ausarbeitung der Konzeption für die spezielle Betreuung der Jugendlichen mit Autismus beteiligt. Alle, die Autisten im BTZ Leipzig betreuen, sind speziell geschult worden und bilden sich fortlaufend weiter.

„Man muss auf die Betroffenen reagieren. Wenn wir nicht ähnlich wie bei sichtbaren Behinderungen auch hier für ein barrierearmes Leben sorgen, verlieren wir wertvolle Menschen“, ist sich Thomas Eilers sicher. Man müsse sich Zeit für die Autisten lassen, um deren Entwicklungspotentiale zu erkennen, Stärken zu fördern und die Schwächen versuchen abzufedern. Das konzipierte Modell zeichnet sich als Erfolgsprogramm für die Menschen mit Autismus im BTZ Leipzig ab. Es ermöglicht ihnen, sich auf das spätere Arbeitsumfeld individuell vorzubereiten.

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Erstellt: Michael Lindner/BFW Leipzig

Schlagworte:

BFW Leipzig, BTZ Leipzig, Autismus, Weltautismustag, BvB, IngE

BFW Leipzig

Seit fast 30 Jahren ist das Berufsförderungswerk Leipzig als Spezialist auf dem Gebiet Teilhabe am Arbeitsleben (berufliche Rehabilitation) tätig. Hier werden Menschen ausgebildet und bedarfsorientiert unterstützt, die durch Krankheit oder Unfall aus dem gewohnten Arbeitsleben scheiden mussten. Mit individuellen Erprobungs-, Qualifizierungs- und Integrationsmaßnahmen werden neue Möglichkeiten für den Weg zurück ins Arbeitsleben angeboten. Die Angebote als überregionaler Dienstleister auf den Gebieten Beratung, Diagnostik und Assessment, Qualifizierung, Prävention und Rehabilitation stehen neben der Hauptstelle in Leipzig in den Außenstellen in Brand-Erbisdorf, Chemnitz und Döbeln zur Verfügung. Ein berufliches Trainingszentrum, das BTZ Leipzig, ergänzt das Angebot speziell für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen. Die vielfältigen Leistungen sind ein wichtiger Beitrag, um Menschen die Rückkehr in das Arbeitsleben zu ermöglichen damit gleichzeitig dem Fachkräftemangel in der Wirtschaft zu begegnen. Darüber hinaus werden an der Bildungseinrichtung verschiedene Kurse der beruflichen Weiterbildung angeboten.

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Berufsförderungswerk Leipzig gemeinnützige GmbH
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Leiter PR | Unternehmenskommunikation
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04159 Leipzig
Tel.: 0341 | 9175120
Fax: 0341 | 917563120
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„Ich bin froh, mich durch das BFW entwickeln zu können.“

Marvin (Mitte mit Zeugnis) bei der Überreichung einer Leistungsauszeichnung im Juni 2019 mit dem damaligen Betreuerteam aus dem BTZ Leipzig (l: Marko Daubitz, 2.v.r. Thomas Eilers). © M. Lindner, BFW Leipzig
Marvin (Mitte mit Zeugnis) bei der Überreichung einer Leistungsauszeichnung im Juni 2019 mit dem damaligen Betreuerteam aus dem BTZ Leipzig (l: Marko Daubitz, 2.v.r. Thomas Eilers). © M. Lindner, BFW Leipzig

Marvin (Mitte mit Zeugnis) bei der Überreichung einer Leistungsauszeichnung im Juni 2019 mit dem damaligen Betreuerteam aus dem BTZ Leipzig (l: Marko Daubitz, 2.v.r. Thomas Eilers). © M. Lindner, BFW Leipzig

Das sagt der 21-jährige Marvin mit einer gewissen Erleichterung. Man erkennt einen gewissen Stolz in seinem Gesicht, dass er es soweit gebracht hat. Der junge Mann mit seinem kurzgeschnittenen braunen Haar steht kurz vor seinem Abschluss als Fachpraktiker für Bürokommunikation. Schon im letzten Jahr erhielt er eine Anerkennung von der Berufsschule für besondere Leistungen. Und wenn die Krise um das Coronavirus ihm keine weitere „Zwangspause“ auferlegt, dann hat er seine 3-jährige Ausbildung im August beendet. Doch der Weg dorthin war nicht so einfach.

Marvin ist Autist. Doch wer glaubt, hier hat sich ein junger Rainman ins Berufliche Trainingszentrum am BFW Leipzig (BTZ Leipzig) verirrt, mit einer super ausgeprägten Wissensintelligenz, der wird durch seine Wegbegleiter schnell aufgeklärt. Thomas Eilers ist der Bildungsbegleiter für Marvin und Christin Lippmann arbeitet als Sozialpädagogin u. a. mit den betroffenen Jugendlichen zusammen. Eilers erklärt, dass es nicht den Autisten gibt: „Kennst Du einen Autisten, kennt man einen Autisten.“ Das ist nach seiner Auffassung die richtige Antwort auf die Einordnung dieser neurologischen Entwicklungsstörung. „Rainman, Rizvan Khan aus „Mein Name ist Khan“ oder Sheldon aus Big Bang Theory sind die Filmhelden, die uns Facetten des Autismus nähergebracht haben. Ich würde es als Hyperintelligenz bezeichnen.“ Und daneben stehen viele andere Verhaltensmuster, die mal ausgeprägter und mal weniger erkennbar die Störung beschreiben. So können Menschen mit Autismus soziale und emotionale Signale nur schwer einschätzen. Sie haben Probleme, auf Gefühle anderer Menschen einzugehen oder können mit ihrem Verhalten auf soziale Situationen nicht angemessen reagieren. Inselbegabungen führen nicht zu einer Professur in Oxford oder Harvard. Aber diese Konzentration auf eine spezifische Thematik im Leben zeichnen die Autisten eben nun einmal aus.

„Für uns ist es wichtig, dass Menschen mit Autismus individuell abgestimmte Förderung erhalten“, betont Thomas Eilers. „Das bietet diesen Menschen die Chance, sich angepasst zu entwickeln und in die Gesellschaft integriert zu werden.“ Anderenfalls sind die Karrierewege der Autisten oft vorgeprägt. „Oft werden sie in Lernförderschulen untergebracht und sind dort unterfordert.“ Jedoch zeichnen sich ihre Schwächen im Lernalltag oft ab. Und damit hat man auch am BTZ Leipzig zu tun, berichtet Sozialpädagogin Christin Lippmann: „Autisten fällt es schwer, im Unterricht stillzusitzen, in ihnen macht sich häufiger eine motorische Unruhe breit. Das wird im Unterricht als störend empfunden.“ Die Einstufung in andere Störbilder wie ADHS durch ungeschulte Lehrkräfte ist oft die Folge in unserem Schulsystem. Es sei auch schwer für ungeschultes Personal hier eine klare Abgrenzung und damit eine individuelle Förderung durchzuführen.

Wie viele Menschen, die mit der Entwicklungsstörung aufwachsen und leben müssen, es betrifft, kann niemand so genau sagen. Das Bundesumweltamt spricht davon, dass keine Zahlen über die Häufigkeit von Autismus in Deutschland vorliegen. „Derzeit wird eine weltweite Prävalenz von 0,6 % – 1 % angenommen. Bei Jungen tritt Autismus viermal häufiger auf als bei Mädchen.“ Wie also will man gerade jungen Menschen helfen, sich als Autist im reizüberfluteten Leben zurecht zu finden. „Gerade bei jungen Menschen haben wir die Chance, sie auf viele Dinge in ihrer Umwelt so einzustellen, dass es ihnen leichter fällt, sich zu integrieren“, weiß Thomas Eilers aus seiner täglichen Arbeit im BTZ Leipzig zu berichten.

Er glaube, dass sie bei Marvin den richtigen Zeitpunkt noch abgepasst haben. Den Neueinstieg in die individuelle Leistungsförderung schaffte der 21-Jährige im Oktober 2016. Bis dahin durchlief er keine geradlinige Entwicklung. Probleme in der Familie, der Vater war überfordert mit der Situation, konnte die Störung seines Sohnes nicht erkennen und somit mit ihr umgehen. Schulisch schaffte er nicht, mitzuhalten. Wegen einer Psychotherapie musste die erste Maßnahme zur Berufsvorbereitung abgebrochen werden. Gemeinsam mit der Agentur für Arbeit wurde lange diskutiert, ob Marvin es schaffen könnte, eine Ausbildung zu beginnen. „Aber, wir haben uns durchgesetzt“, berichtet Thomas Eilers stolz. Er wusste aber damals auch, dass die Fachberater bei der Arbeitsagentur viel auf die fachliche Kompetenz des Teams vom Beruflichen Trainingszentrum am BFW Leipzig setzten. „Und das, obwohl wir mit unserem BTZ erst im September 2016 gestartet waren“, ergänzt Eilers. „Die Leute von der Arbeitsagentur hatten Vertrauen, dass wir es schaffen würden, die Vorgängereinrichtung harmonisch ins neue Format zu überführen. Ich glaube, dass wir sie bis heute nicht enttäuscht haben.“ Der Bildungsbegleiter freut sich und blickt stolz auf Marvin, der zur ersten Gruppe gehörte, die 2016 die Berufsvorbereitende Maßnahme am BTZ Leipzig begann.

Es ist ein tägliches Herantasten an alle Jugendliche, die wegen psychischer Erkrankungen die speziellen Maßnahmen der Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme (kurz BvB) und der Inklusionsgestützten Erstausbildung (IngE) im BTZ Leipzig belegen. „Dabei stellen die Autisten eine kleine, aber besondere Gruppe für uns dar“, erklärt Christin Lippmann. „Die Schwierigkeit ist für uns, dass die jungen Leute Besonderheiten in der sozialen Kompetenz aufweisen. Mal mehr, mal weniger. Daher ist eine Integration allein schon in das Trainings- und Ausbildungsprogramm immer wieder herausfordernd.“ Und doch werden die Menschen mit der besonderen Entwicklungsstörung mit den anderen jungen Leuten gemeinsam in Gruppen integriert. „Wir trainieren dadurch die soziale Interaktion und die soziale Kompetenz mit unseren Teilnehmerinnen und Teilnehmern“, sagt die Sozialpädagogin. So fühlen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Autismus angenommen, trainieren mit anderen in einer Kleingruppe von acht bis zehn Personen. Man muss jedoch vieles dabei beachten: „Es braucht eigene Kommunikationsformen in der Stoffvermittlung. Autisten haben Probleme mit der Reizüberflutung, die sie in unserer Welt umgibt. So dunkeln wir die Räume ab, wenn die Sonne zu sehr einstrahlt. Die Arbeitsplatzbereiche bieten weniger Ablenkung. In Lehrbüchern decken wir beispielsweise Bilder zu, um die Konzentration ausschließlich auf die Texte zu lenken“, weiß Christin Lippmann zu berichten. Das erdrücke die junge Leute nicht so sehr. Ablenkung könne demotivieren, so ihre Erfahrungen aus der Praxis. „Es gibt Redewendungen, die verstehen unsere autistischen Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht. Wenn man beispielsweise sagt: ‚Um 18 Uhr werden die Bürgersteige hochgeklappt.‘ Der Autist geht an diese Aussage ganz formal bildlich ran und kann sich ein ‚Hochklappen von Bürgersteigen‘ in seiner Realität nicht praktisch vorstellen. Wir wissen, was damit gemeint ist“, bringt Christin Lippmann eine Episode ins Gespräch mit ein. „Wir filtern also so viel wie möglich weg, was den Autisten stören könnte.“

Der Weg ist der Richtige. Darin sind sich nicht nur Christin Lippmann und Thomas Eilers einig. Das gesamte multiprofessionelle Team aus Bildungsbegleitern, Ausbildern, Trainern, Sozialpädagogen, Psychologen, Ergo- und Sporttherapeuten kann dem zustimmen. Alle waren in der Ausarbeitung der Konzeption für die spezielle Betreuung der Jugendlichen mit Autismus gefragt. Alle, die mit Autisten im BTZ Leipzig zu tun haben, sind speziell geschult worden und bilden sich fortlaufend weiter. „Für uns ist ein wichtiger Aspekt“, so Christin Lippmann, „dass wir uns mit anderen austauschen. Netzwerken ist unabdingbar.“ Ein Ansprechpartner ist das Autismusnetzwerk. Hier geht es nicht nur um die Jugendlichen im BTZ Leipzig. Man spricht sich untereinander ab, tauscht Erfahrungen aus und blickt in die Zukunft. Denn hier muss es Verbesserungen geben, dass mehr junge Leute wie Marvin eine Chance erhalten, sich mit ihrem Autismus entwickeln zu können. „Man muss auf die Betroffenen reagieren. Wenn wir nicht auch ähnlich wie bei sichtbaren Behinderungen hier für ein barrierearmes Leben sorgen, verlieren wir wertvolle Menschen“, ist sich Thomas Eilers sicher. Seine und die Ideen seiner Kollegin Christin Lippmann sind, dass man sich Zeit lässt für Autisten, um deren Entwicklungspotentiale zu erkennen, Stärken zu fördern und die Schwächen versucht abzufedern. „Normale“ Schul- und Ausbildungszeiten reichten nicht aus, sind auch in ihren starren Konzepten mit festen Zeiteinheiten und langen Bildungstagen für die meisten Autisten nicht aushaltbar.

Bei Marvin, wie bei den vielen anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern im BTZ Leipzig sowie in den Umschulungsmaßnahmen des BFW Leipzig, setzt sich diese Methode bislang erfolgreich durch. Der 21-jährige Marvin wird im Sommer seine Ausbildung zum Fachpraktiker für Bürokommunikation abschließen. Er hatte nach den Startschwierigkeiten eine Zukunftsperspektive erhalten: mit der BvB- und der anschließenden IngE-Maßnahme. „Ich bin froh, durch das BFW mich entwickeln zu können“, schätzt Marvin heute ein. „Alles, wie ich mich privat und beruflich weiterentwickelt habe, habe ich dem BFW zu verdanken.“ Er wird nach seiner Ausbildung beruflich durchstarten. Mit Menschen in Kontakt zu kommen, ist eine seiner Stärken, die das Team im BTZ Leipzig zusammen mit Marvin entwickelt haben. Sein neues Lebensmotto hat er von Bildungsbegleiter Thomas Eilers für die Zukunft mitbekommen: „Hilfe suchen, Hilfe annehmen, ist keine Schande.“ Davon wird er im Job profitieren können. Davon ist Marvin heute schon nach Wochen des Praktikums überzeugt.

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Erstellt: Michael Lindner/BFW Leipzig

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BFW Leipzig, BTZ Leipzig, Autismus, Weltautismustag, BvB, IngE

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Seit fast 30 Jahren ist das Berufsförderungswerk Leipzig als Spezialist auf dem Gebiet Teilhabe am Arbeitsleben (berufliche Rehabilitation) tätig. Hier werden Menschen ausgebildet und bedarfsorientiert unterstützt, die durch Krankheit oder Unfall aus dem gewohnten Arbeitsleben scheiden mussten. Mit individuellen Erprobungs-, Qualifizierungs- und Integrationsmaßnahmen werden neue Möglichkeiten für den Weg zurück ins Arbeitsleben angeboten. Die Angebote als überregionaler Dienstleister auf den Gebieten Beratung, Diagnostik und Assessment, Qualifizierung, Prävention und Rehabilitation stehen neben der Hauptstelle in Leipzig in den Außenstellen in Brand-Erbisdorf, Chemnitz und Döbeln zur Verfügung. Ein berufliches Trainingszentrum, das BTZ Leipzig, ergänzt das Angebot speziell für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen. Die vielfältigen Leistungen sind ein wichtiger Beitrag, um Menschen die Rückkehr in das Arbeitsleben zu ermöglichen damit gleichzeitig dem Fachkräftemangel in der Wirtschaft zu begegnen. Darüber hinaus werden an der Bildungseinrichtung verschiedene Kurse der beruflichen Weiterbildung angeboten.

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