Mittwoch, Juni 26th, 2019

 

Klavier spielend zurück ins Leben kehren – Reha in der Waldburg-Zeil Klinik in Bad Wurzach hilft dabei

Ein Konzert der besonderen Art fand am Freitag, dem 7. Juni, in der Rehabilitationsklinik Bad Wurzach statt. Patient Friedhelm Enz verabschiedet sich nach mehreren Wochen Reha. Nach einer Gehirnblutung kann er nun wieder gehen, sprechen, seinen Alltag selbständig gestalten – und Klavier spielen. Für Chefarzt Dr. Schlomm, Patienten und Therapeuten ein außerordentliches Erlebnis!

Bad Wurzach Durch das Foyer der Rehabilitationsklinik Bad Wurzach schwirren Jazzklavierklänge: Chick Corea`s „Children´s Songs“. Das Publikum, Patienten auf dem Weg von der Therapie in die Mittagspause und viele Therapeuten, wippt mit. Am Klavier: ein Duo – das grüne T-Shirt weist die Pianistin als Therapeutin aus. Doch kein ganz normales Unterhaltungskonzert?

Es ist das Abschiedskonzert von Friedhelm Enz, seit anderthalb Monaten Patient in der Fachklinik für Orthopädie, Neurologie und Altersmedizin. Verena Jungwirth und Friedhelm Enz haben am gleichen Tag in Bad Wurzach begonnen. Sie als Musiktherapeutin, er als Patient. Drei Wochen lag er nach einer Hirnblutung im Februar im Koma. In die Rehabilitationsklinik kam er nach drei Monaten Krankenhausaufenthalt als Patient der Phasen C und D, erläutert Chefarzt Dr. Markus Schlomm. Patienten in dieser Phase sind in der Regel sehr eingeschränkt mobil und meist in ihrer Alltagskompetenz erheblich eingeschränkt, so Dr. Schlomm. Enz, gelernter Werkzeugmacher, spielte vor seiner Erkrankung in drei Bands Klavier und Gitarre. Durch die Erkrankung war er schwer betroffen. An Musizieren war zunächst gar nicht zu denken. „Dabei hat mir Musik immer geholfen“, berichtet er. „Umso schlimmer war, dass ich nun überhaupt keine Musik mehr machen konnte.“

Gerade für neurologische Patienten wie Friedhelm Enz habe man in der Waldburg-Zeil Klinik die Musiktherapie aufgebaut, so Chefarzt Dr. Schlomm. Denn sie bietet umfassende Impulse in den Bereichen Sprache, psychisches Befinden, kognitive Fähigkeiten, Koordination und Motorik. Musiktherapeutin Verena Jungwirth ergänzt: „Viele Patienten können zum Beispiel nach einem Schlaganfall nur eingeschränkt oder gar nicht sprechen, weil das Sprachzentrum in der linken Hirnhälfte gestört ist.“  Singen hilft Menschen, wieder sprechen zu lernen. Denn die von der Musik angesprochenen Zentren im Gehirn knüpfen neue Verbindungen. Hinzu kommt die Möglichkeit von Klangreisen und die emotionale Seite von Musik, über die sich Patienten ausdrücken können, selbst, wenn ihnen die Wörter fehlen. So ergänzt die Musiktherapie in Bad Wurzach alle anderen angebotenen Behandlungsmöglichkeiten.

Auch Friedhelm Enz berichtet, dass er nach der Gehirnblutung keine Stimme mehr hatte. Stimulierend wirkten bei ihm auch Logopädie, Ergo- und Physiotherapie. Zusammen mit Verena Jungwirth tastete er sich langsam über rhythmische Übungen zum Beispiel mit dem Shaker mit vielen kleinen Schritten an „sein“ Klavier heran. Die erfahrene Therapeutin half ihm, seine Hände zu koordinieren und Bewegungen über den Rhythmus wieder fließender auszuführen. Die hörbaren Fortschritte am Klavier und die Atmosphäre in der Klinik motivierten ihn besonders. Da lag es für den Vollblutmusiker nahe, zusammen mit Verena Jungwirth zu musizieren und schließlich erstmals seit der Gehirnblutung wieder aufzutreten. „Ich möchte allen meinen Therapeuten und Ärzten hier in Bad Wurzach mit meinem Abschiedskonzert Dankeschön sagen“, so Friedhelm Enz. „Und ich möchte anderen Mut machen, zeigen, was dank der Therapie alles wieder funktionieren kann.“ Was alles möglich ist, davon hat er sein Publikum überzeugt. Gemeinsam haben sie den „Drunken Sailor“ gesungen und Chick Corea gelauscht. Nun heißt es für Friedhelm Enz mit einem letzten Song von John Denver „All my bags are packed… I’m ready to go“. Natürlich freut sich Enz nach so langer Zeit auf sein Zuhause in Kochstetten bei Hayingen auf der schwäbischen Alb. Dort warten neue Herausforderungen auf den 61jährigen: der oft unebene Untergrund der Dorfwege, die Verbindung von ambulanter Therapie und Alltag. Und irgendwann wieder Beruf und Band.

Info
Mehr als eine Viertelmillion Deutsche erleiden jedes Jahr einen Schlaganfall. Auch wenn seit 1990 nur noch halb so viele Menschen daran sterben, sind Schlaganfälle nach wie vor gefährliche Ereignisse. Selten gleicht das Leben danach dem Leben davor – denn ein Hirninfarkt ist immer noch die häufigste Ursache für eine schwere Behinderung bei Erwachsenen. Nach der Behandlung auf einer Stroke Unit, beginnt die eigentliche „Arbeit“ während der Reha. Die einzelnen Behandlungsphasen werden nach Schwere in die Phasen B bis F eingeteilt. In den Waldburg-Zeil Kliniken in Bad Wurzach und Wangen werden Patienten in den so genannten Phasen B, C und D behandelt. Eine Reha dauert in Abhängigkeit von der Schwere der erlittenen Schädigung sowie deren Rückbildung meist wenige Wochen bis ca. drei Monate. Ärzte, Physio-, Musik- und Ergotherapeuten, Logopäden, Neuropsychologen und –pädagogen sowie die Pflegekräfte kennen die speziellen Bedürfnisse von Schlaganfallpatienten. Sie gehen behutsam auf jeden einzelnen Patienten ein, um seinen individuellen Stärken herauszufinden und die Defizite gezielt zu behandeln. So wird jeder Patient optimal gefördert. In der Rehabilitationsklinik Bad Wurzach betreuen 210 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter 3300 Patienten jährlich in 210 Betten.

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„Tinnitus – nichts ist lauter als ein Ton, den du nicht hören willst“ Ehrenamtlichen-Schulung der Deutschen Tinnitus-Liga e. V. in Königswinter

Die Teilnehmer der Ehrenamtlichen-Schulung der Deutschen Tinnitus-Liga e. V. nahmen wieder sehr viele fachliche Informationen und Anregungen mit in die Selbsthilfegruppen. Foto: Sabine Wagner.

(Wuppertal, 25.06.2019) Strategien und Behandlungsmethoden für einen besseren Umgang mit den quälenden Ohrgeräuschen standen bei der Schulung der ehrenamtlich Aktiven der Deutschen Tinnitus-Liga e. V. (DTL), die vom 21. bis 23. Juni 2019 in Königswinter stattfand, auf dem Programm. Die vielfältigen Vorträge und Workshops vermittelten den aktuellen Stand aus Wissenschaft und Tinnitus-Forschung und zeigten Wege auf, um die Tinnitus-Belastung zu mindern. Rund 80 Teilnehmer aus dem gesamten Bundesgebiet – darunter Sprecher der Selbsthilfegruppen, DTL-Berater und Referenten – kamen zu der Veranstaltung, die exklusiv von der Techniker Krankenkasse gefördert wurde.

Zum Auftakt der Schulung hieß Michael Bergmann, Geschäftsführer der Deutschen Tinnitus-Liga e. V., alle Teilnehmer herzlich willkommen und gab bekannt, dass der Vorstand der DTL den Vorstandsvorsitzenden Volker Albert aufgrund seiner besonderen Verdienste um die DTL zum Ehrenmitglied ernannt hat. Er verlas eine Laudatio von Prof. Dr. Gerhard Hesse, Sprecher des Fachlichen Beirats der DTL, in der es heißt: „Die Deutsche Tinnitus-Liga ehrt mit Volker Albert eine herausragende Persönlichkeit und deren überaus großes Engagement für die Belange der Tinnitus-Betroffenen und Hörbehinderten mit der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft dieser Organisation.“

Über das Thema „Wie macht mein Leben Sinn trotz unveränderbarem Leid?“ sprach Marco Kargl vom Süddeutschen Institut für Logotherapie & Existenzanalyse. Bei der Bewältigung gehe es darum, sich dem schicksalshaften Leiden zu stellen und Emotionen zuzulassen, um seinen ganz persönlichen Lebensweg zu finden.

Der Beginn des Samstagmorgens stand ganz im Zeichen der EU-weiten Datenschutz-Grundverordnung (EU-DSGVO), die im letzten Jahr in Kraft getreten ist. Der DTL-Geschäftsführer und Rechtsanwalt Michael Bergmann sprach über das neue Datenschutzgesetz und dessen Auswirkungen auf die Arbeit in der Selbsthilfe sowie über Änderungen und Erfahrungen. Er gab Tipps für die praktische Arbeit in den Selbsthilfegruppen, auch für den Umgang mit elektronischer Kommunikation, und beantwortete Fragen, beispielsweise zum Umgang mit Fotos, Daten und Datenspeicherung.

Dr. Lars Haab, Neurowissenschaftler der Medizinischen Fakultät der Universität des Saarlandes, sprach über „Hörminderung und Tinnitus aus neuronaler Sicht – Implikationen für die Verhaltenstherapie in der Tinnitus-Behandlung“. Er zeigte auf, dass es bei einem Hörverlust zu einer erhöhten Nervenaktivität kommt. Bei Tinnitus führt diese Übererregung der Nerven dazu, dass die Betroffenen einen Ton wahrnehmen, der gar nicht da ist. Unbekanntes wie beispielsweise ein Ohrgeräusch könne Angst auslösen, und Ängste aktivierten die Emotionsverarbeitung im limbischen System des Gehirns. Die Aktivierung der Amygdala, Teil des limbischen Systems, sorge für eine Verstärkung – der Tinnitus werde noch lauter und bedrohlicher wahrgenommen und so komme es zu einem „Teufelskreis der Aufmerksamkeitsbindung“. In der Verhaltenstherapie wird diese Aufmerksamkeitsbindung reduziert und es werden Entspannungstechniken erlernt, sodass der Tinnitus im Therapieverlauf an Bedeutung verlieren kann.

Im Anschluss daran gab es ein Bewegungsprogramm zur Entspannung und Stressreduktion von Meister Yang Song, Diplom-Sportwissenschaftler aus Bonn.

Der Samstagnachmittag bot wieder ein abwechslungsreiches Workshop-Programm. Im Workshop „Tipps und Tricks zur Pflege der Website der Selbsthilfegruppe“ knüpfte Bernd Strohschein, Sprecher der Selbsthilfegruppe München, an ein Seminar zur Erstellung von Internetseiten für die einzelnen Gruppen an. Der Musiktherapeut Viktor Giraldo hielt einen Workshop zum Thema „Musiktherapie bei Tinnitus und Hyperakusis“. Im Workshop „Tinnitus-Prophylaxe durch Stressreduktion“ vermittelte der Psychologe Michael Lochmann, wie positive Selbstwahrnehmung und Bewertung des Alltags gelingen können, beispielsweise durch einen Tagesrückblick, in dem man sich fragt „Was war heute schön?“. Der Qigong-Workshop von Meister Yang Song zur Entspannung und Minimierung der Funktionsstörung Tinnitus fand im Grünen statt, im Garten des Schulungszentrums AZK mit Blick auf den Rhein – allerbeste Bedingungen also, um abzuschalten.

Der Sonntagvormittag wurde maßgeblich gestaltet durch Prof. Dr. Gerhard Goebel, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der DTL. Er ist auch erster stellvertretender Sprecher des Fachlichen Beirats der Deutschen Tinnitus-Liga e. V. und erläuterte dessen Arbeit, die darin besteht, neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu Tinnitus, Hörsturz, Morbus Menière und Hyperakusis zu diskutieren und der DTL neue Behandlungsmethoden zu empfehlen oder eben nicht zu empfehlen.

Prof. Goebel referierte über die neue europäische Leitlinie zum Tinnitus. Außerdem stellte er die leitliniengerechte Behandlung von Ohrgeräuschen dar, die bei einem akuten, also erst seit Kurzem bestehenden Tinnitus in einer hochdosierten Kortisongabe besteht. Beim chronischen Tinnitus dagegen gibt es keine wirksamen Medikamente. Mit Hörgeräten oder Rauschgeräten werden sehr gute Ergebnisse erzielt, wenngleich es in dem Bereich leider an Studien mangelt. In der Leitlinie empfohlen werden die kognitive Verhaltenstherapie und das „Counselling“, eine ausführliche Beratung des Patienten, die diesem die Ängste nehmen und eine Akzeptanz gegenüber dem Tinnitus schaffen sollen. Denn wie Prof. Goebel treffend feststellte: „Nichts ist lauter als ein Ton, den du nicht hören willst.“

Bevor die Teilnehmer die Heimreise antraten, gab es noch viel positives Feedback zu der Veranstaltung. So waren sich alle einig, dass sie von der Ehrenamtlichen-Schulung immer sehr viele Informationen und Impulse mitnehmen, die sie an ihre Selbsthilfegruppen vor Ort weitergeben können. Die Kommunikation untereinander und der Erfahrungsaustausch mit den anderen Gruppen werden ebenfalls von allen besonders geschätzt.

Wir bedanken uns sehr herzlich bei der Techniker Krankenkasse für die finanzielle Unterstützung, mit der diese Veranstaltung durchgeführt werden konnte.

 

Über die Deutsche Tinnitus-Liga e. V. (DTL)
Die Deutsche Tinnitus-Liga e. V. (DTL) vertritt als gemeinnützige Selbsthilfeorganisation die Interessen der Patienten mit Tinnitus, Hörsturz, Hyperakusis und Morbus Menière sowie ihrer Angehörigen. Rund 12.000 Mitglieder machen die DTL zum größten Tinnitus-Zusammenschluss in Europa und zum anerkannten Partner des Gesundheitswesens in Deutschland. Über 800 Fachleute gehören der DTL als Partner und fördernde Mitglieder an, darunter renommierte Wissenschaftler, HNO-Ärzte, Ärzte weiterer Disziplinen, Hörakustiker, Psychologen und Therapeuten. Außerdem werden rund 80 Selbsthilfegruppen in Deutschland durch die DTL betreut. Gegründet wurde die Deutsche Tinnitus-Liga e. V. 1986 in Wuppertal. Weitere Infos: www.tinnitus-liga.de

Pressekontakt:
Deutsche Tinnitus-Liga e. V. (DTL) · Sabine Wagner · Am Lohsiepen 18 · 42369 Wuppertal
Tel.: 0202 24652-24 · Fax: 0202 24652-20 · E-Mail: s.wagner@tinnitus-liga.de

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