11. Softsolution Business-Networking-Dinner im Hotel Adlon, 2019

Veröffentlicht am 16.05.2019 11:15 von Redaktion RehaNews24

Eine Reha für die Reha? Qualität und Wettbewerb in der Rehabilitation

„Wir haben den demographischen Wandel! Tragen dem die Akteure des Gesundheitswesens heute angemessen Rechnung?“, fragte Alexander Gunkel, Mitglied der Hauptgeschäftsführung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), Berlin, anlässlich des 11. Business-Networking-Dinner „Qualität und Wettbewerb in der Reha”.

Zur traditionellen Expertendiskussion hatte Softsolution International am 15. April 2019 ins Berliner Hotel Adlon eingeladen. Wo mögliche Schwachstellen im System liegen und wo sich Potenzial für Verbesserungen auftut, analysierten neben Alexander Gunkel, die Podiumsteilnehmer Gundula Roßbach, Präsidentin der Deutschen Rentenversicherung Bund (DRV), Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland, Thomas Bublitz, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Privatkliniken (BDPK), Dr. med. Ulrich Mauerer, Vorsitzender des Vorstands der Medical Park Kliniken, sowie Dr. oec. HSG Willy Oggier, Präsident von SW!SS REHA und Geschäftsführer der Gesundheitsökonomische Beratungen AG in der Schweiz. Durch das Gespräch führte Hubert Seiter, erster Direktor a.D. der Deutschen Rentenversicherung Baden-Württemberg.

Den musikalischen Rahmen gestalteten Erich Scheibli mit der Querflöte und Jonathan Tolksdorf am Klavier.

Jonathan Tolksdorf, Klavier und Erich Scheibli, Querflöte

Wertschöpfende Rolle der Reha: Arbeitskräfte erhalten

Alexander Gunkel verwies auf Berechnungen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, wonach durch Arbeitsunfähigkeiten eine Bruttowertschöpfung von zuletzt 133 Mrd. Euro im Jahr verloren ginge. Von den unmittelbaren Kosten durch Arbeitsunfähigkeit und Erwerbsminderung müssten die Arbeitgeber immerhin rund ¾ bezahlen. Gunkel betonte, dass die Rehabilitation eine wichtige Rolle dabei spielen kann, Wertschöpfung zu generieren, wenn sie Menschen dazu befähigt, so lange wie möglich dem Arbeitsleben erhalten zu bleiben. „Denn Reha ist kein Selbstzweck. Sie muss zum gesetzlich fixierten Ziel „Reha vor Rente“ beitragen“, so Gunkel. Vor diesem Hintergrund wird Reha zu einem Thema auch für Arbeitgeber.

Es gelte, vorhandenen Reha-Bedarf noch frühzeitiger zu erkennen. Das könne helfen, krankheitsbedingte Auszeiten zu vermeiden und zu verringern. Zudem könne so auch einer Chronifizierung von Krankheiten entgegengewirkt werden, mit der oftmals auch eine Verschlechterung der Rehabilitationschancen verbunden sei. Ärzte, Träger und Arbeitgeber ˗ sie alle müssten dazu beitragen, dass chronisch kranke Patienten nicht schleichend aus dem Arbeitsleben hinaus- und z.B. in eine Erwerbsminderungsrente und damit mögliche Altersarmut hineingleiten, ohne Chance einer erfolgreichen Rehabilitation genutzt zu haben.

Handlungsbedarf: Transparente Daten generieren und Netzwerke bilden

„Qualität erfordert Transparenz“, formulierte es Herr Seiter. Um Qualität zu erfassen, müssen Daten gesammelt und analysiert werden. Diese Daten müssen schnittstellenübergreifend zugänglich sein. Spätestens hier kollidiere aber die Forderung nach Transparenz mit den Forderungen des Datenschutzes in Deutschland.

Gundula Roßbach schilderte: „Qualität hat viele Facetten. Um unsere Rehabilitanden und die Effektivität der Reha besser zu erfassen und zu evaluieren, setzen wir bei der Rentenversicherung derzeit bereits ja auf eine Routine-Datenauswertung. Dies geschieht auf freiwilliger Basis, denn nicht alle Betroffenen sind bereit, öffentlichen Stellen eine solche Datennutzung zu erlauben. Ein Dilemma.“

Zudem gilt es sehr viele Akteure in der deutschen Reha-Therapie- und -Verwaltungslandschaft, aus denen sich die Daten-Cluster zusammensetzen, digital besser zu vernetzen. „Viele Daten kommen erst verzögert bei der Rentenversicherung an oder eine Weitergabe ist erst gar nicht vorgesehen“, ergänzte Frau Roßbach.

Frau Prof. Dr. Seel, BAR

Eine offene Kommunikation zwischen den Akteuren braucht strukturierte Informationen und eindeutige Verantwortliche. Gunkel hält hier unter anderem die Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (BAR) für geeignet, um eine trägerübergreifende Kommunikation zu befördern.

„Wir brauchen in jedem Fall eine Art automatisierte Datenschnellstraße, nicht zuletzt auch, um die Kliniklandschaft in der Reha transparent und möglichst ohne Wartezeiten optimal belegen zu können“, wünschte sich Frau Roßbach. „Unsere Prozesse sind vielerorts noch händisch und zu aufwändig.“

Die technischen Möglichkeiten der automatisierten Datenverarbeitung seien in Deutschland jedenfalls schon in einiger Hinsicht realisiert. Ob die Mentalität der Akteure der Technik hierzulande angemessen folgen kann, bleibt abzuwarten. „Denn Deutschland denkt immer noch viel zu sehr in voneinander getrennten Kategorien!“, sagte Frau Bentele.

Herr Dr. Oggier konnte exemplarisch eine erfolgreiche enge partnerschaftliche Zusammenarbeit verschiedener somatischer Kliniken und Reha-Einrichtungen in der Schweiz anführen. „Haben Sie den Mut, selbst Initiative zu ergreifen. Warten Sie nicht erst auf eine Gesetzgebung, die vielleicht eh nicht kommt!“, so Oggier. Er wies außerdem darauf hin, dass Reha-Einrichtungen in der Schweiz im Gegensatz zu Deutschland Krankenhaus-Status aufweisen, was die Rolle der Reha stärke.

v.li. Thomas Bublitz, Dr. Willy Oggier, Alexander Gunkel, Hubert Seiter, Gundula Roßbach, Verena Bentele, Dr. Ulrich Mauerer

Pflegefachkräftemangel und schlechte Vergütung als qualitätsmindernde Faktoren

Thomas Bublitz betonte: „Den Fachkräftemangel gibt es wirklich! Uns fehlen viele Pflegekräfte, Therapeuten und Ärzte in den entsprechenden Einrichtungen. Ohne sie gibt es keine gute Reha!“ Die Vergütung für die Pflegeberufe sei prekär. Das Gefälle zwischen der Bezahlung eines Chefarztes und einer Pflegekraft etwa sei enorm. Die Vergütungsbedingungen seien insgesamt in der Regel ungünstig heterogen.

Auch sieht Herr Bublitz vorhandene Gelder in der Regel nicht optimal eingesetzt. Viele sanierungsbedürftige Einrichtungen müssten die Teppichböden in ihren Kliniken aus Geldmangel „schamponieren“, statt sie erneuern zu können, wie er es zuspitzte. In der Runde hielt man fest, dass jeder Euro, der in eine Reha investiert würde, „ein guter Euro“ sei. Hätten wir genügend gute und wettbewerbsfähig bezahlte Fachkräfte, dann hätten wir auch ein Interesse in der Gesellschaft, diese Fachkräfte zu halten, war man sich einig. Wie sich das bewerkstelligen lässt, musste als Frage stehenbleiben.

Podiumsdiskussion beim 11. Softsolution Business-Dinner im Hotel Adlon

Messkriterien für Qualität definieren

Dr. Ulrich Mauerer, Medical Park Kliniken, schilderte, wie seine Einrichtungen Qualitätsparameter, u.a. auch z.B. Patientenbeurteilungen (Patient Reported Outcomes Measurement, PROM) sammeln, um Außenstehenden die Möglichkeit zu bieten, sich ein eigenes Urteil über die Qualität der Behandlung zu bilden. Auch vor dem Hintergrund des Wunsch- und Wahlrechts sollten Patienten eine informierte Entscheidung treffen können, in welcher Klinik ihre Nachbehandlung stattfindet.

Herr Bublitz warf ein, dass aber Patientenaussagen allein kein verlässliches Qualitätsurteil sein könnten, da eine positive Beurteilung von zusätzlichen Faktoren aus den Bereichen medizinische Qualität, Prozesssteuerung, Patientensicherheit und Reha-Ergebnis abhängen würde.

Ein weiterer Parameter, um den Erfolg einer Rehabilitation zu messen, sei zum Beispiel auch die Quote der Integration in den Arbeitsmarkt, sagte Gunkel. Die Messung der Qualität einer Reha-Einrichtung sei zwar nicht einfach, aber notwendig. Qualität müsse ein wichtiges Kriterium der Träger bei der Belegung von Einrichtungen sein.

Wertvolle Rolle der Reha: Die soziale Wiedereingliederung von Patienten

Verena Bentele unterstrich an dieser Stelle, dass eine Reha nicht nur dazu dienen solle, einen Menschen wieder erwerbsfähig zu machen. Die Quote der Integration in den Arbeitsmarkt dürfe nicht überbewertet werden. Eine Reha solle einen Menschen vielmehr auch dazu befähigen, generell wieder am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. „Die soziale Wiedereingliederung der Menschen ist wertvoll! Es kann in unserer Gesellschaft nicht nur um eine wirtschaftlich motivierte Rolle von Reha gehen!“

Podiumsdiskussion beim 11. Softsolution Business-Dinner im Hotel Adlon

„Ambulant vor stationär“? Keine starren Formeln, bitte!

Die Podiumsteilnehmer zeigten sich gegenüber dem Leitsatz der deutschen Gesundheitspolitik „Ambulant vor stationär“ skeptisch. Sie warnten vor einer dogmatischen Auslegung dieses Mottos. Viel wichtiger sei es, individuell zusammen mit dem Patienten entscheiden zu können, wo und wie sich der jeweils größtmögliche gesundheitliche Nutzen erreichen lässt.

So sei eine ambulante Reha in vielen Fällen zwar empfehlenswert und kostensparend. Patienten mit einer psychischen Indikation etwa profitierten häufig von einer ambulanten Reha, da sie dadurch unter anderem nicht gezwungen seien, ihre vertraute Alltagsstruktur komplett zu verlassen. Patienten mit starken Funktionseinschränkungen aber bedürften wiederum der Rundum-Betreuung einer stationären Reha.

„Ambulant vor stationär“ sei also eine „künstliche Diskussion“, verständigte man sich. Und dass die starre Auslegung des Mottos sogar regelrecht gefährlich für den Patienten werden kann, zeigte Herr Oggier auf. Es brauche die Möglichkeit, dass Patienten aus einem ambulanten oder teilstationären Umfeld problemlos wieder in das stationäre Setting zurückverlegt werden könnten, wenn dies notwendig sei. Oft werde dies aber mit dem Argument verhindert, der Patient sei ja aus dem Stationären gekommen und brauche nur noch eine ambulante Betreuung.

Ulrich Mauerer hält Nachsorgeprogramme für ein wesentliches Erfolgskriterium für die Nachhaltigkeit einer Reha-Maßnahme. Das aber bedeutet gerade eben ein reibungsloses Ineinandergreifen von stationären und ambulanten Reha-Angeboten. Man könne viel von Leistungssportlern lernen, betonte er und verwies auf die Medical Park Kliniken, die Reha dementsprechend hochqualifiziert anbieten können. Herr Gunkel bestätigte sein Plädoyer, ambulanter Reha – wo immer sinnvoll möglich – den Vorzug vor stationärer Reha zu geben. „Es gibt Luft nach oben beim Ausbau ambulanter wohnort- bzw. betriebsnaher Reha-Strukturen.“

Nicht nur Rehabilitation, sondern auch Prävention

Frau Bentele kritisierte, dass für viele Patienten, z.B. vor allem für chronisch Kranke, eine Reha häufig zu spät bewilligt würde. Außerdem solle Prävention hierzulande noch viel stärker gefördert werden um gesundheitliche Einschränkungen zu vermeiden. In jedem Fall müssten die Betroffenen immer einbezogen werden, damit die passende Maßnahme zur Prävention und Rehabilitation gefunden werden könne. Dr. Oggier erwähnte auch exemplarisch die hohe Selbstzahlerkultur in der Schweiz.

Herr Gunkel verwies auf den wichtigen Beitrag, den der eingeführte „Firmenservice der Deutschen Rentenversicherung“ bereits leistet. Er unterstütze die Arbeitgeber bei ihren Anstrengungen. Beim Betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM) mit seinen unterschiedlichen Angeboten und Kursen stünden z.B. gesundheitsgerecht gestaltete Arbeitsbedingungen und Anleitungen für ein gesundheitsförderndes Verhalten im Mittelpunkt.

Frau Roßbach schilderte das Bundesprogramm „RehaPro“ mit seinen Modellprojekten für die Erprobung von innovativen Maßnahmen. Bis 2026 stehen insgesamt rund 1 Mrd. Euro zur Verfügung. Sie lobte das neue Modellprojekt „Ü-45-Gesundheits-Check“ der Rentenversicherung, das sich analog zum „Check-up 35“ der Krankenkassen mit präventiver Zielsetzung verhält.

In einem hypothetischen Testlauf stellte Moderator Seiter den Gesprächsteilnehmern das „Präventionsmodell der DRV an ArbeitnehmerInnen“ vor. Er wollte wissen, ob sie es für sinnvoll hielten, wenn z.B. allen durch eine Behinderung beeinträchtige Personen ab dem Alter 50 eine Woche zugestanden würde, in der sie in sämtlichen Themen der Prävention unterrichtet würden. Frau Bentele warnte hier vor einer zu starren Einteilung von Menschen. Auch kritisierte sie die zeitliche Limitierung. Prävention sei ein langfristiges Projekt und müsse daher anders als eine in der Regel zeitlich begrenzte Rehabilitation organisiert werden.

Herr Seiter resümierte: „Mit einer konstruktiven Diskussion über die derzeitige Qualität unserer Reha-Landschaft wollen wir nicht zuletzt die Lust an Reha als umfassendes Denk- und Handlungskonzept fördern. Wichtig ist dabei ein Höchstmaß an Transparenz. Wenn nötig müssen Reha-Schiedsstellen einfordern, dass über die erwarteten Leistungen und den dafür notwendigen Preis vertrauensbildend verhandelt wird. Preisdiktate oder Festsetzungen per Verwaltung sind nicht sachdienlich. Gesundheitsvorsorge ist höchstpersönlich. Wir alle müssen deshalb einen gesünderen Lebensstil im Alltag und Beruf leben. Mit Prävention und Rehabilitation haben wir eine Chance für die Zukunft!”

Bericht: Julia Rüd, Redaktion „Prävention und Rehabilitation“, dustri-Verlag
Fotos: Der Gottwald, Berlin

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