Wenn Bier und Wein die Reha gefährden

Veröffentlicht am 02.11.2016 10:14 von Susanne Werner

Neue Praxisempfehlungen sollen somatischen und psychosomatischen Reha-Kliniken dabei helfen, frühzeitig einzuschreiten, wenn Rehabilitanden zu viel Alkohol konsumieren.

„Wie oft trinken Sie Alkohol?“ Oder: „Wie viel trinken Sie dann typischerweise?“ Diese Fragen gehören an der Klinik Niederrhein in Bad Neuenahr der DRV Rheinland inzwischen zum Routine-Repertoire bei der Aufnahme. Sie stammen aus den „Praxisempfehlungen zum Umgang mit Suchtproblemen in der somatischen und psychosomatischen Rehabilitation“, die im Frühjahr 2016 veröffentlicht wurde. Hintergrund ist ein Forschungsprojekt, das Professor Oskar Mittag von der Uniklinik Freiburg gemeinsam Chefarzt Dr. Hartmut Pollmann durchgeführt hat.
Ausgeschenkt wird in jedem dritten Klinik-Café
Demnach gibt es in etwa jedem sechsten Haus einen Kiosk, in jedem dritten ein Café, in denen Bier und Wein verkauft werden. Das Angebot allein bewerten die Reha-Forscher nicht als problematisch. Schließlich gibt es auch Forschungen, die insbesondere geringen Mengen Wein eine gesundheitliche Wirkung zuschreiben. Negative Folgen aber hat es, wenn es täglich mehr als ein Glas ist. Der problematische Konsum beginnt bei Frauen beispielsweise mit dem zweiten Glas (0,1 Liter), bei Männern mit dem dritten Glas Wein pro Tag.
Interessant für Mittag und Pollmann war, wie unterschiedlich die nicht auf Sucht spezialisierten Reha-Kliniken mit dem Alkoholkonsum ihrer Patienten umgehen. 39 Prozent der Einrichtungen gaben an, maßvolles Trinken zu tolerieren, 61 Prozent unterbinden dies strikt. 74 Prozent haben für die Beschäftigten klare Regeln und in 42 Prozent der Einrichtungen wird kontrovers über die Strategie diskutiert. Auffällig war, dass 80 Prozent der befragten Chefärzte angaben, mit dem Alkoholkonsum ihrer Patienten zuweilen ein Problem zu haben. 85 Prozent von ihnen sahen es auch als ihre Aufgabe an, einen riskanten Alkoholkonsum ihrer Patienten zu thematisieren – auch wenn in der Klinik Suchterkrankungen gar nicht behandelt werden.
Reha-Forscher werten Komplett-Verbot als unrealistisch
Mittag und Pollmann haben es für unrealistisch, den Rehabilitanden jeglichen Alkoholgenuss zu verbieten. Vielmehr sollte der Umgang mit Suchtmitteln von Anfang thematisiert und abgefragt werden. Screening-Fragen, die gleich bei Reha-Antritt eingesetzt werden, bilden dazu die Grundlage. Sie sind ein Teil einer umfassenden Diagnose, in die auch Laborwerte sowie das soziale Verhalten einbezogen werden. Danach ist zuallererst zu prüfen, ob die Reha-Ziele erreicht werden können, ohne das Suchtverhalten zu verändern. Liegt der Alkoholkonsum jedoch im riskanten Bereich, sollte der Rehabilitand damit konfrontiert werden und gegebenenfalls gemeinsam mit ihm an einer Verhaltensänderung während des Reha-Aufenthalts gearbeitet werden.
Dazu empfehlen die Studienleiter eine „Kurzintervention“ nach dem „FRAMES“-Verfahren. Die Abkürzung stammt aus dem Englischen und die einzelnen Buchstaben stehen für Rückmeldung (Feedback), Verantwortung (Responsibilty), Ratschlag (Advice), Auswahl (Menue), Empathie (Empathy) und Selbstwirksamkeit (Self-Efficacy). Für das Vorgehen bedeutet dies, dem Patienten zunächst die eigenen Befunde und Beobachtungen zu vermitteln, seine Eigenverantwortung zu betonen und ihm klare, umsetzbare Vorschläge zu machen, wie er sein Verhalten verändern könnte.

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