Terrorismus nicht psychiatrisieren

Veröffentlicht am 13.07.2016 17:14 von Redaktion RehaNews24

Wie kommt es dazu, dass Menschen schwere Gewalttaten oder terroristische Attentate verüben? Renommierte forensische Experten beschäftitgen sich am 8. Juli 2016 auf einem Presseworkshop der DGPPN in Berlin mit den Mechanismen, die hinter Radikalisierungsprozessen und schwerer Gewaltättigkeit stehen.

Dazu erklärt die Forensikern Dr. Nahlah Saimeh, Mitglied im Vorstand der Fachgesellschaft:

„Nach schweren Gewalt- oder Terrorakten erleben wir immer wieder die gleiche Reaktion: Für viele Menschen kann dafür nur ein psychisch kranker Täter in Frage kommen. Doch in den allermeisten Fällen stimmt diese Antwort nicht. Wissenschaft und Statistik zeigen, dass diese Taten nur selten auf eine psychische Erkrankung zurückzuführen sind. Zwar können z. B. Wahnvorstellungen, Drogeneinflüsse und auch hirnorganisch bedingte Störungen zu radikal aggressiven Akten führen, doch meistens gibt es keine klinische Erklärung für diese Taten. Extremistische Täter wissen meist sehr genau, was sie tun und welche Folgen ihr Handeln hat. Die forensische Psychiatrie konnte bisher kein psychopathologisches Musterprofil eines Terroristen erstellen. Entscheidend sind vielmehr komplexe individuelle und gesellschaftliche Prozesse.

Radikalisierte Menschen fühlen sich oft massiv benachteiligt und von der Gesellschaft ausgeschlossen. Sie sind verbittert und verorten die Ursache für ihre vermeintliche Unterlegenheit im Außen. In dieser Situation sind sie empfänglich für Positionen, die ihnen eine gewisse Überlegenheit bieten. Ob diese radikale Gesinnung schließlich in einer extremistischen Tat mündet, hängt ganz besonders vom psychologischen Klima ab, in dem sie leben. Radikalisierte Menschen sind in allen Gesellschaftsschichten anzutreffen, sie kommen keineswegs nur aus sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen. Wenn wir uns mit Terrorismus beschäftigen, müssen wir diesen Mechanismen unbedingt Rechnung tragen. Schwere Gewalttaten und Terrorismus sind nie ausschließlich medizinische Probleme. Um sie zu verhindern, sind Politik, Gesellschaft und Wissenschaft gleichermaßen gefordert. So müssen die Einflussfaktoren noch stärker erforscht werden. Gleichzeitig gilt es, sozialen Ausschluss durch Aufklärung, Information, Bildung und Fürsorge zu verhindern.“

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