Tagung für Sozialarbeit und Rehaberatung: Der Grundsatz „Reha vor Pflege“ wird gestärkt. – Pflegestärkungsgesetze auf der Sozialarbeitertagung im Mittelpunkt des Interesses –

Veröffentlicht am 18.11.2015 14:48 von Alexander Schunicht

Bad Driburg. Ein Expertenforum für den fachlichen Austausch und Vernetzung bot die vierte Tagung für
Sozialarbeit und Rehaberatung in der Knappschafts-Klinik. Unterstützt wurde die Tagung durch die
DVSG (Deutsche Vereinigung für Soziale Arbeit im Gesundheitswesen e.V.). Die DVSG ist ein sektorenübergreifender Fachverband, der dazu beiträgt, die Soziale Arbeit in den verschiedenen Arbeitsfeldern des Gesundheitswesens zu stärken und weiter zu entwickeln. An der Tagung nahmen rd. 60 Teilnehmer aus dem Sozialdienst und Case-Management zuweisender Krankenhäusern und kooperierender Beratungs- und Gesundheitseinrichtungen der Knappschafts-Klinik Bad Driburg teil. Im Rahmen der Patientenversorgung ist es vor allem die Aufgabe der Sozialarbeiter in den Kliniken
Patienten und Angehörige umfassend zu beraten und Hilfestellung bei der Weiterversorgung zu geben.

Der thematische Schwerpunkt der diesjährigen Fachtagung waren die Veränderungen und Neuerungen
durch das Pflegestärkungsgesetz. Das System der Pflegeversicherung wird 20 Jahre nach der Einführung
umfassend modernisiert. Das Erste Pflegestärkungsgesetz trat zum 1. Januar 2015 in Kraft und
beinhaltete für Pflegebedürftige verbesserte Leistungen, wie z.B. eine Erhöhung der Leistungsbeträge
der Pflegeversicherung, einen Ausbau und Kombination der Leistungen der Kurz- und Verhinderungspflege, eine Ausweitung des Anspruchs auf Betreuungsleistungen in der ambulanten Pflege, eine Erhöhung der Zuschüsse zu Umbaumaßnahmen (z.B. Einbau eines barrierefreien Badezimmers) und für Pflegehilfsmittel des täglichen Verbrauchs.

Das Zweite Pflegestärkungsgesetzes befindet sich im Gesetzgebungsverfahren und soll voraussichtlich
zum 1. Januar 2016 umgesetzt werden. Es beinhaltet die Umsetzung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs in die Praxis. Das bisherige System der drei Pflegestufen wird durch fünf für alle Pflegebedürftigen einheitlichen Pflegegrade und der zusätzlichen Feststellung vor erheblich eingeschränkter Alltagskompetenz (insbesondere Demenz) ersetzt. Auf zusätzliche Betreuungsangebote hat künftig jeder Versicherte in stationären Pflegeeinrichtungen Anspruch. Der Grundsatz „Reha vor Pflege“ wird gestärkt. Der Eintritt von Pflegebedürftigkeit kann durch Rehabilitationsleistungen
verhindert oder hinausgezögert werden. Dafür soll ein bundesweit einheitliches, strukturiertes
Verfahrens für die Rehabilitationsempfehlungen durch den Medizinischen Dienst sorgen. Zukünftig
werden auch Pflegepersonen bzw. pflegende Angehörige in der Renten- und Arbeitslosenversicherung
besser abgesichert.
Referenten unterschiedlicher Fachrichtungen diskutierten über weitere interessante Themenkomplexe
des klinischen Sozialdienstes. Begleitend präsentierten sich mit der Knappschafts-Klinik kooperierende
Selbsthilfeverbände und regionale Selbsthilfegruppen, wie die Deutsche Herzstiftung e.V., Defibrillator
(ICD) Deutschland e.V. und Deutsche Rheuma-Liga e.V.

Nach der Begrüßung durch Verwaltungsleiter Alexander Schunicht informierte Chefärztin Dr. Gabriele
Augsten über die Erweiterung der medizinischen Kompetenz der Klinik durch neue Behandlungsangebote wie der Medizinisch-beruflichen orientierten Rehabilitation (MBOR) für kardiologische Patienten und der Rehabilitation von Patienten mit Herzunterstützungssystemen (hier: Behandlung von Patienten mit Linksherzunterstützungssystem – LVAD). Ein Unterstützungssystem dient dazu, bei einer Herzmuskelschwäche als zusätzliche Pumpe das schwer erkrankte Herz zu entlasten und den Kreislauf aufrechtzuerhalten. „Herzunterstützungssysteme gewinnen an Bedeutung, da es in Deutschland viel zu wenig Spenderherzen gibt.“, berichtete Chefärztin Dr. Augsten. Seit Mitte 2015 werden in der Knappschafts-Klinik regelmäßig Patienten mit linksventrikulären Unterstützungssystemen rehabilitiert.

Anschließend übernahm Isabelle Koziol vom Sozialdienst der Klinik die Moderation und führte durch das
Symposium. Juristin Walburga Milles, Referentin im Bereich Soziale Pflegeversicherung der Deutschen Rentenversicherung Knappschaft-Bahn-See informierte in ihrem einführenden Vortrag ausführlich über die Neuerungen des Pflegestärkungsgesetz II (PSG II) wie dem neuen Pflegebedürftigkeitsbergriff und dem neuen Begutachtungsassessment. Zukünftig wird gemessen, was der Pflegebedürftige noch kann und es wird der Grad der Selbstständigkeit einer Person bei Aktivitäten in insgesamt sechs pflegerelevanten Bereichen wie z. B. kognitive und kommunikative Fähigkeiten oder der Umgang mit krankheits- und therapiebedingten erfasst. Damit wird auch der besondere Hilfe- und Betreuungsbedarf von Menschen mit kognitiven oder psychischen Einschränkungen berücksichtigt, was bisher nicht möglich war. Aus den Ergebnissen der Prüfung ergibt sich die Einordnung in einen der fünf Pflegegrade.

Danach referierte Diplom-Pädagogin Susanne Tyll über die Leistungsmöglichkeiten der Wohnberatung in Bezug auf Maßnahmen der Wohnungsanpassung und deren Finanzierung. Sie gab einen Überblick über die Wohnsituation in Deutschland. Von den 16,88 Millionen Menschen über 65 Jahre leben 93 % in einer eigenen Wohnung, 3 % in Gemeinschaftswohnungen und 4 % in Heimen. „Selbständiges Wohnen bzw. die selbständige Haushaltsführung der Menschen in ihrer Wohnung und ihrem Wohnumfeld zu erhalten, zu fördern oder wiederherzustellen ist die Zielsetzung der Wohnberatung“, informierte Beraterin Tyll und ergänzte dass durch Prävention und Verminderung von Gefahrenquellen häusliche Unfälle vermieden werden. Die Hauptaufgaben sind die individuelle Beratung über Möglichkeiten und Formen barrierefreien Wohnens. Wohnungsanpassungen können dazu führen, häusliche Pflege zu ermöglichen oder zu erleichtern und Heimunterbringungen zu verhindern.

Ulrike Kramer, Diplom-Sozialarbeiterin und Leiterin des Sozialdienstes am Universitätsklinikum Essen
gab aus Sicht des DVSG einen Einblick in die Verbandsarbeit. Sie hob hervor, wie wichtig eine sinnvolle Koordination des Versorgungsmanagement ist – nicht nur um die Qualität der Patientenversorgung zu verbessern, sondern auch in Bezug auf ein koordiniertes und strukturiertes Entlassungsmanagement. Sie berichtete über den Rückgang der Verweildauer im Krankenhaus und damit verbunden auch den Rückgang des Zeitkorridors für den Sozialdienst für die Patientenberatung. „Der Entscheidungsdruck hat zugenommen und die Anforderungen sind komplexer geworden für den Sozialdienst im Krankenhaus.“ stellte Ulrike Kramer fest.
Der Bedeutung der infrastrukturellen Förderung der Selbsthilfe durch Selbsthilfe-Kontaktstellen widmete sich Diplom-Sozialarbeiterin Ute Mertens, Mitarbeiterin der Selbsthilfe-Kontaktstelle Paderborn. In Deutschland gibt es rd. 100.000 Selbsthilfegruppen, davon sind ca. 70 % im Bereich der Gesundheit (Chronische Erkrankung, Behinderung, Sucht etc.) organisiert. Selbsthilfe-Kontaktstellen sind für alle Fragen rund um die Selbsthilfe die ersten Ansprechpartner vor Ort. Sie sind als professionelle Einrichtungen jeweils für einen Kreis bzw. für eine kreisfreie Stadt zuständig,
beraten und unterstützen Selbsthilfegruppen (z.B. bei der Gründung). Die Finanzierung der Kontaktstellen erfolgt größtenteils über die Kreise und Krankenkassen der GKV.

Klaus Rafflenbeul, Psychologe in der Knappschafts-Klinik, berichtete über die 2-jährige Erfahrung mit AICD-Patienten in der Psychokardiologie. Die Implantation von Defibrillatoren ist medizinisch ein Routineverfahren. Ein Großteil der betroffenen Patienten bewältigt den Eingriff problemlos und kommt mit dem Defibrillator gut zurecht. Jeder dritte Patient reagiert jedoch mit psychischen Beschwerden. Betroffen sind insbesondere Patienten, die mit einer Schockabgabe konfrontiert wurden oder Mehrfachschocks erlebt haben. Depressionen, Angststörungen und posttraumatische Belastungsstörungen sind die Folge aufgrund der massiven außeralltäglichen Belastung. An diese Patientengruppe richtet sich das rehabilitative Angebot der Knappschafts-Klinik um diese Beschwerden zu therapieren. Es werden unterschiedliche Therapieansätze in Abhängigkeit vom zeitlichen Auftreten der psychischen Beschwerden angeboten, um den Patienten zu einer verbesserten Lebensqualität zu verhelfen.

Die Veranstaltung endete mit einer Abschlussdiskussion und einer Klinikführung.

Foto mit den externen Dozenten: „Systemwechsel in der Pflegeversicherungen durch das Pflegestärkungsgesetz“, von links: Ulrike Kramer (Vorstandsmitglied, DVSG), Walburga Milles (Juristin, Referentin, DRV Knappschaft-Bahn-See), Alexander Schunicht (Verwaltungsleitung, Knappschafts-Klinik Bad Driburg), Ute Mertens (Mitarbeiterin der Selbsthilfe-Kontaktstelle Paderborn), Dr. Gabriele Augsten (Ärztliche Leitung, Knappschafts-Klinik Bad Driburg), Susanne Tyll (Beraterin, LAG Wohnberatung NRW), Isabelle Koziol (Sozialdienst, Knappschafts-Klinik Bad Driburg).

„Systemwechsel in der Pflegeversicherung durch das Pflegestärkungsgesetz“, Referenten und Gastgeber der 4. Tagung für Sozialarbeit & Rehaberatung

 

Teilnehmer der 4. Sozialarbeitertagung

 

Ulrike Kramer, Vorstandsmitglied im DVSG, Deutsche Vereinigung für Soziale Arbeit im Gesundheitswesen

 

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Alexander Schunicht

Alexander Schunicht, Verwaltungsleiter

Knappschafts-Klinik
Georg-Nave-Str. 28, 33014 Bad Driburg
Tel.:05253 / 83 - 440, Fax:05253 / 83 - 210

email:vl.kkbd@t-online.de
web:www.knappschafts-klinik-driburg.de

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Kardiologie und Innere Medizin

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Deutschen Rentenversicherung
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