Reha-Forschung: Online-Therapien füllen Versorgungslücken

Veröffentlicht am 22.09.2014 10:30 von Susanne Werner

BERLIN/ LÜNEBURG. Internetbasierte Gesundheitsinterventionen könnten künftig ein wichtiger Baustein in der Reha-Versorgung sein. Studien der Leuphana-Universität Lüneburg zeigen, dass die Angebote vor allem jene ansprechen, die sonst unerreichbar wären: „Zu den zentralen Nutzern zählen Menschen mit einem dichten Alltag, die kaum andere Angebote annehmen können. Es sind oft mehrheitlich Frauen, meist um die 40 Jahre alt, in der Regel berufstätig und oft  auch alleinerziehend“, sagt Dr. David Daniel Ebert, Psychologe in Lüneburg. Der Reha-Forscher ist überzeugt: „Mithilfe der modernen Medien erreichen wir sehr viel frühzeitiger belastete Arbeitnehmer und  auch jene, die keine Rehabilitation aufsuchen würden.“

Neuer Zugangsweg über Kommunikationstechnik

leupharnaDie Intervention via Internet bricht mit einer lang gehegten Überzeugung – nämlich, dass nur der direkte Kontakt von Mensch zu Mensch hilft, damit Betroffene wieder aus Krisen finden. Die Forschungen an der Leuphana-Universität Lüneburg zeigen, dass die Kommunikationstechnik den Patienten vor allem einen weiteren Zugangsweg anbietet. Ebert leitet aktuell mehrere Studien zu internetbasierten psychologischen Interventionen und wurde 2014 auch mit dem Förderpreis 2014 der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT) ausgezeichnet.

Wie Patienten online begleitet und therapiert werden können, ist seit Jahren ein zentrales Thema in der Reha-Forschung. Vorbilder sind die Gesundheitssysteme in Großbritannien, Holland und Australien, wo Online-Angebote längst ein Bestandteil der Regelversorgung sind. In Deutschland gilt nach wie vor das Fernbehandlungsverbot. Demnach darf eine Therapie bislang nur zu Forschungszwecken ausschließlich online erfolgen. Und dies, obwohl längst belegt ist, dass internetbasierte Interventionen wirksam sind, psychisch-belasteten Patienten frühzeitig helfen und Versorgungslücken schließen.

Kommunikation über ein Tagebuch im Web

Reha-Forscher der Hochschule Leipzig haben zum Beispiel mit http://lebensstil-aendern.de/ ein Forum geschaffen, auf dem sich Patienten informieren und untereinander  austauschen können. Andere Projekte versuchen therapeutische Sitzungen im Internet abzubilden und setzen dazu E-Mail oder Chat-Programme ein. So begleitete ein Therapeuten-Team der Universität Mainz zwölf Wochen lang Rehabilitanden aus der Psychosomatik, Orthopädie und Kardiologie übers Internet, um den Reha-Erfolg zu sichern und den Weg in den Alltag zu ebnen. Die Patienten waren unter anderem eingeladen, ein Mal pro Woche schwierige Erlebnisse aus ihrem Arbeitsalltag in einem Webtagebuch zu schildern. Die Psychologen kommentierten die eingegangenen Einträge gemäß der supportiv-expressiven Therapie (SET) und vermittelten den Rehabilitanden darin neue Sichtweisen und Lösungswege zu ihren beruflichen Problemen.

Bewährte kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze eignen sich besonders für den Einsatz im Internet: Sie lassen sich leicht in Trainingsmodule übersetzen, die zu den Symptomen informieren, Impulse für eigene Übungen geben und Techniken vermitteln,  wie Probleme zu bewältigen sind.  Als zentrale Anwendungsfelder sieht Ebert die Nachsorge und die Prävention. Online-Programme könnten beispielsweise auf einen stationären Aufenthalt vorbereiten und Wartezeiten überbrücken. Zuvor definierte Risikogruppen könnten  profitieren, wenn sie mit evidenzbasierten Selbsthilfeprogrammen an der Bewältigung ihrer Beschwerden arbeiten.

Problemlösetraining im Internet speziell für Lehrer

Leif Boß, ebenfalls Wissenschaftler an der Leuphana-Universität Lüneburg, hat beispielsweise ein internetbasiertes Problemlösetraining evaluiert, mit dem psychisch beanspruchte Lehrerinnen und Lehrer selbst  ihr Verhalten trainieren können. Sechs Module zeigen auf, wie sie Probleme lösen können und kognitive Techniken helfen ihnen, Stresssituationen umzudeuten und zu bewältigen. In der randomisiert kontrollierten Studie wurde die  Interventionsgruppe mit einer Wartekontrollgruppe verglichen. Das Ergebnis: Bereits nach sieben Wochen hatte die Interventionsgruppe eine geringere depressive Symptomatik und war vermehrt fähig, wahrgenommenen Stress und emotionale Erschöpfung zu balancieren sowie auftretende Herausforderungen zu bewältigen. Die Effekte waren auch in folgenden Katamnesen nach drei und sechs Monaten messbar.

Gesundheitsbezogene Online-Angebote sind örtlich unabhängig und rund um die Uhr nutzbar.  Das komme, so Ebert, den Bedürfnissen bestimmter Patienten entgegen. „Online-basierte Gesundheitsinterventionen sollten in Zukunft zu einer Reha-Behandlung gehören“, sagt er. Die IT-Technik könne besonders jene Therapien ergänzen, die den Patienten ein großes Maß an Selbststeuerung abverlangen.

Unter „Get.ON – Gesundheitstraining online“ (www.geton-training.de) können sich Interessierte für eine kostenlose Teilnahme vormerken lassen.

Print Friendly, PDF & Email





Ähnliche Nachrichten

  • Schneller und einfacher in die Reha – gegen drohende Pflege