Psychologen machen Mut zur Selbstständigkeit

Veröffentlicht am 07.05.2010 08:31 von Kirschning

Am 14. Mai 2010 um 11 Uhr stellt der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) seinen diesjährigen Bericht im Kongresshotel Potsdam, Am Luftschiffhafen 1, Vertretern der Medien und der Fachöffentlichkeit vor. Vorab erhalten Sie mit Sperrfrist 12. Mai, 15 Uhr aus diesem Anlass ein Interview mit der Vizepräsidentin des BDP, Thordis Bethlehem.

Psychologen machen Mut zur Selbstständigkeit
Erfolgreiches Unternehmertum im Mittelpunkt des BDP-Berichts 2010

Der BDP steht kurz vor der Veröffentlichung des 4. Bandes aus seiner Reihe „Psychologie – Gesellschaft – Politik”. Bei den bisher erschienenen Bänden ging es dem Verband um die Beschreibung unserer Gesellschaft auf einem bestimmten Gebiet aus psychologischer Sicht und Schlussfolgerungen, die Politik und Gesellschaft daraus ziehen sollten. Es ging um Gesundheit, Prävention und Heilung. Wer sind in diesem Band die Kranken, Gefährdeten bzw. Unterstützungsbedürftigen?

Von Krankheit kann nicht die Rede sein. Mit unserem diesjährigen Bericht will der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen zum einen Mut machen zur Selbständigkeit als berufliche Perspektive. Zum anderen denken wir, dass sich gesamtgesellschaftlich etwas verändern muss, damit Unternehmertum sich erfolgreich entwickeln kann. Dazu wollen wir mit unserer psychologischen Expertise beitragen. Zwar stehen Unternehmer und deren Förderung im Fokus des Berichts, diese Personen und ihr Handeln können jedoch nicht losgelöst von politischen Entscheidungen und gesellschaftlichen Entwicklungen gesehen werden. Wenn Sie bei dem Gesundheitsbild bleiben wollen: Wir treten mit unserer Expertise für eine „fittere”, beweglichere Gesellschaft ein, die sich durch einen im Vergleich zu heute deutlich vergrößerten Handlungsspielraum aller Akteure auszeichnet.

Im Bericht werden die USA als Beispiel für eine viel größere Bereitschaft angeführt, die eigene berufliche Perspektive in der Selbstständigkeit zu sehen. Ist das für Sie ein Wert an sich, oder welche Merkmale der US- amerikanische Wirtschaft und Gesellschaft veranlassen Sie, dem nachzueifern?

Es sind ja nicht nur die USA, die hinsichtlich der Gründungsaktivitäten weit vor Deutschland rangieren. Der Global Enrepreneurship Monitor 2008 ergab, dass in Deutschland die Zukunftschancen von Gründern deutlich schlechter eingeschätzt werden als in Vergleichsländern. Zusätzlich ist in unserem Land die Angst vor dem Scheitern besonders groß. Hinsichtlich dieser beiden Faktoren – Zukunftsaussichten und Angst vor dem Scheitern – belegt Deutschland Platz 14 von insgesamt 18 Vergleichsländern. Das vorab. Nun zu Ihrer Frage: Selbstständig zu sein, stellt nicht nur für den Unternehmer einen Wert an sich dar. Vielmehr hat Selbstständigkeit weitreichende Bedeutung für die Entwicklung der Gesellschaft, und das mit Konsequenzen, die weit über Wachstums- und Beschäftigungseffekte hinausgehen.

Betonung auf Handlungsspielräume legen statt auf Risiken

Jeder Unternehmensgründer nimmt sein Schicksal selbst in die Hand. Er macht sich unabhängig von der staatlichen Versorgung, er übernimmt Verantwortung für sich und seine Mitarbeiter. Unternehmer gestalten die Gesellschaft aktiv mit und sind weniger abhängig vom Arbeitsmarkt als andere. Diese „Kultur der Selbstständigkeit”, ein von der Politik viel zitiertes und gefördertes Ziel, steckt angesichts langer Jahre wirtschaftlichen Aufschwungs in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Der BDP hat in diesem Jahr das Thema „Unternehmertum” auch deshalb aufgegriffen, weil Unternehmer die Möglichkeit haben, eigene Ziele zu setzten, Ideale zu verfolgen, eigenständig Entscheidungen zu treffen und Handlungsspielräume zu genießen, wie sie abhängig Beschäftigten verwehrt bleiben.

In Zeiten der Globalisierung gibt es gewiss viele wünschenswerten und notwendige Fortbildungen und Beratungsgegenstände für junge oder auch ältere Unternehmer, gegen die Psychologen im Wettstreit um das kostbare Gut „Zeit” antreten müssen. Worin könnte der spezielle Effekt bei einer Fortbildung bzw. Beratung durch Psychologen liegen?

Mehr als drei Viertel der Gründer sind nach drei Jahren nicht mehr aktiv, schreibt der KfW-Gründungsmonitor 2009. Das ist persönlich und gesellschaftlich völlig unbefriedigend. Die Psychologie kann auf ganz unterschiedliche Weise zu langfristig erfolgreichem Unternehmertum beitragen. Betrachten wir einmal beispielhaft die konkrete Gründungsphase: Die Motive, aus denen Menschen heraus mit einer Selbstständigkeit liebäugeln, sind vielfältig. Die Kernfrage, ob sie überhaupt die Kompetenzen mitbringen, die für eine erfolgreiche Selbstständigkeit notwendig sind, wird vor der Gründung nicht oder nicht ausreichend bzw. nicht richtig gestellt. Psychologen können mit entsprechenden Methoden Motive und Kompetenzen überprüfen und Empfehlungen ableiten – und damit den potenziellen Gründer in seinem Vorhaben bestärken oder auch das Augenmerk auf Alternativen lenken.

Psychologische Aspekte so wichtig wie Marktkenntnisse

Auch in der Nachgründungsphase gibt es Coachingbedarf. Wenn Mitarbeiter eingestellt werden, wenn sich das Team vergrößert, wenn die Führungsaufgaben des Unternehmers wachsen, dann ergeben sich zahlreiche neue Fragestellungen. Auch für Nachfolger in einem Unternehmen kann es schwierige bis heikle Fragestellungen geben, z. B., wenn sich die Kooperation mit dem Vorgänger als schwieriger erweist denn erwartet. In solchen Situationen zählt weniger die Kompetenz als Ingenieur und Manager, es geht vielmehr um die Gefühle, die im Spiel sind. In diesen Situationen ist psychologische Beratung geboten und hilfreich.

Kurz: Die Berücksichtigung der psychologischen Aspekte ist für potenzielle und junge Gründer mindestens so entscheidend wie Branchenwissen, Beratung zur Finanzierung oder Marktkenntnisse.

Im Bericht wird u.a. die schwierige Lage von Unternehmern in Risikosituationen angesprochen. Kann Risikomanagement mit psychologischer Unterstützung Ihres Erachtens besser gelingen? Und wenn ja, wodurch? Denken Sie, es könnte die Ausmaße einer Krise wie der letzten Finanz- und Wirtschaftskrise, bei der es ja in hohem Maße um falsch bewertete Risiken ging, beeinflussen?

Jede unternehmerische Entscheidung ist mit Risiken verknüpft. Diese Risiken unterscheiden sich in ihrer Bedeutung für das Unternehmen, im Wirkungszeitraum und auch in ihrem Entstehungsort (innerhalb oder außerhalb des Unternehmens). Psychologische Unterstützung kann dabei helfen, nicht nur Risiken zu identifizieren, sondern die dazugehörigen psychologischen Faktoren in das Risikomanagement mit einzubeziehen. So hilft ein ausgeklügeltes Krisenmanagement in der Öffentlichkeit wenig, wenn innerhalb des Unternehmens aufgrund mangelnder Kommunikation und Information die Unsicherheit unter den Mitarbeitern wächst und die Leistung nachlässt.

Zum Risiko sind im Zusammenhang mit der Finanz- und Wirtschaftskrise mindestens zwei Aspekte zu nennen: Ungeachtet des (gerade in Krisenzeiten viel zitierten) großen Einflusses der Psychologie auf die Wirtschaft und die Börse werden psychologische Erkenntnisse im wirtschaftlichen Alltagshandeln eher vernachlässigt. Bei der Bewältigung von Krisen selbst könnte psychologisches Know-how Hinweise für effektives Führungs- bzw. Kommunikationsverhalten bieten.

In großen Unternehmen arbeiten bereits eine ganze Reihe von Psychologen, vorzugsweise im Personalmanagement und in der Personalauswahl. Stellen sich in solchen Positionen auch ethische Fragen, gibt es ethische Konflikte z. B. im Zusammenhang mit Entlassungen, mit Gestaltung von Arbeitsprozessen, die zwar die Produktivität erhöhen, Menschen aber überfordern? Wird psychologische Expertise nicht auch zum Nachteil von Menschen missbraucht?

Uns geht es mit diesem Bericht um einen Einsatz psychologischer Erkenntnisse zum Wohle aller Beteiligten. Das kann auch bedeuten, dass Ergebnisse psychologischer Diagnostik den Klienten, der z. B. auf eine Führungsposition hofft, nicht unbedingt erfreuen – aber die nachfolgende Beratung zeigt ihm hoffentlich neue Perspektiven und Möglichkeiten.

Psychologen, die in und für Organisationen tätig sind, werden immer wieder mit Anliegen konfrontiert, die auf einen unethischen Einsatz psychologischer Erkenntnisse abzielen. Und selbstverständlich kann das Wissen der Psychologie auch zum Nachteil von Menschen angewandt werden. Vor dem Hintergrund des Berufes, unser besonderen Verpflichtung der Gesellschaft und dem Einzelnen gegenüber und auf Basis unserer Berufsordnung ist die Zielsetzung jedoch eine andere.

Echte Chance auch für Arbeitslose?

Im Bericht wird darüber geschrieben, wie man unter Arbeitslosen diejenigen ausfindig machen kann, die unternehmerisches Potenzial haben und in daher in diese Richtung gefördert werden sollten. Dazu zwei Fragen: Wie schätzen Sie das unternehmerische Potenzial ausgerechnet in einer Gruppe von Personen ein, die gerade beruflich aus welchen Gründen auch immer gescheitert sind? Was müsste wo geschehen, um dieses Potenzial sicher ermitteln und fördern zu können?

Die Gruppe der Arbeitsuchenden ist zu heterogen, um generelle Schlussfolgerungen über das vorhandene Unternehmerpotenzial ziehen zu können – auch hier kann unternehmerische Eignung vorhanden sein. Umso wichtiger ist in dieser Gruppe die sorgfältige Diagnostik z. B. der vorhandenen Fertigkeiten und der Motivation – nicht nur die unternehmerische Eignung betreffend, aber diese sollte besonders im Blick sein. Nach der Diagnostik (durchgeführt von Psychologinnen und Psychologen) folgt die konsequente Berücksichtigung der Ergebnisse bei der weiteren Planung und Beratung.

Und wie wollen Sie sicherstellen, dass nicht im Interesse der Anbieter solcher Tests und weiterer Fördermaßnahmen das Potenzial von Arbeitslosen geschönt wird?

Die Versuchung ist groß, mit Hilfe einer Existenzgründungsförderung Arbeitsuchende aus der Statistik zu entfernen. Die Agentur für Arbeit könnte in der Existenzgründungsberatung mit anderen Stellen (z. B. Fachverbänden) zusammenarbeiten, um die Eignungsüberprüfung und -beratung auf eine breitere Basis zu stellen.

Christa Schaffmann
Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen
Pressesprecherin
Tel. 030 – 209 166 620
c.schaffmann@bdp-verband.de

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Psychologen machen Mut zur Selbstständigkeit

Veröffentlicht am 07.05.2010 08:31 von Redaktion RehaNews24

Am 14. Mai 2010 um 11 Uhr stellt der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) seinen diesjährigen Bericht im Kongresshotel Potsdam, Am Luftschiffhafen 1, Vertretern der Medien und der Fachöffentlichkeit vor. Vorab erhalten Sie mit Sperrfrist 12. Mai, 15 Uhr aus diesem Anlass ein Interview mit der Vizepräsidentin des BDP, Thordis Bethlehem.

Psychologen machen Mut zur Selbstständigkeit
Erfolgreiches Unternehmertum im Mittelpunkt des BDP-Berichts 2010

Der BDP steht kurz vor der Veröffentlichung des 4. Bandes aus seiner Reihe „Psychologie – Gesellschaft – Politik”. Bei den bisher erschienenen Bänden ging es dem Verband um die Beschreibung unserer Gesellschaft auf einem bestimmten Gebiet aus psychologischer Sicht und Schlussfolgerungen, die Politik und Gesellschaft daraus ziehen sollten. Es ging um Gesundheit, Prävention und Heilung. Wer sind in diesem Band die Kranken, Gefährdeten bzw. Unterstützungsbedürftigen?

Von Krankheit kann nicht die Rede sein. Mit unserem diesjährigen Bericht will der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen zum einen Mut machen zur Selbständigkeit als berufliche Perspektive. Zum anderen denken wir, dass sich gesamtgesellschaftlich etwas verändern muss, damit Unternehmertum sich erfolgreich entwickeln kann. Dazu wollen wir mit unserer psychologischen Expertise beitragen. Zwar stehen Unternehmer und deren Förderung im Fokus des Berichts, diese Personen und ihr Handeln können jedoch nicht losgelöst von politischen Entscheidungen und gesellschaftlichen Entwicklungen gesehen werden. Wenn Sie bei dem Gesundheitsbild bleiben wollen: Wir treten mit unserer Expertise für eine „fittere”, beweglichere Gesellschaft ein, die sich durch einen im Vergleich zu heute deutlich vergrößerten Handlungsspielraum aller Akteure auszeichnet.

Im Bericht werden die USA als Beispiel für eine viel größere Bereitschaft angeführt, die eigene berufliche Perspektive in der Selbstständigkeit zu sehen. Ist das für Sie ein Wert an sich, oder welche Merkmale der US- amerikanische Wirtschaft und Gesellschaft veranlassen Sie, dem nachzueifern?

Es sind ja nicht nur die USA, die hinsichtlich der Gründungsaktivitäten weit vor Deutschland rangieren. Der Global Enrepreneurship Monitor 2008 ergab, dass in Deutschland die Zukunftschancen von Gründern deutlich schlechter eingeschätzt werden als in Vergleichsländern. Zusätzlich ist in unserem Land die Angst vor dem Scheitern besonders groß. Hinsichtlich dieser beiden Faktoren – Zukunftsaussichten und Angst vor dem Scheitern – belegt Deutschland Platz 14 von insgesamt 18 Vergleichsländern. Das vorab. Nun zu Ihrer Frage: Selbstständig zu sein, stellt nicht nur für den Unternehmer einen Wert an sich dar. Vielmehr hat Selbstständigkeit weitreichende Bedeutung für die Entwicklung der Gesellschaft, und das mit Konsequenzen, die weit über Wachstums- und Beschäftigungseffekte hinausgehen.

Betonung auf Handlungsspielräume legen statt auf Risiken

Jeder Unternehmensgründer nimmt sein Schicksal selbst in die Hand. Er macht sich unabhängig von der staatlichen Versorgung, er übernimmt Verantwortung für sich und seine Mitarbeiter. Unternehmer gestalten die Gesellschaft aktiv mit und sind weniger abhängig vom Arbeitsmarkt als andere. Diese „Kultur der Selbstständigkeit”, ein von der Politik viel zitiertes und gefördertes Ziel, steckt angesichts langer Jahre wirtschaftlichen Aufschwungs in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Der BDP hat in diesem Jahr das Thema „Unternehmertum” auch deshalb aufgegriffen, weil Unternehmer die Möglichkeit haben, eigene Ziele zu setzten, Ideale zu verfolgen, eigenständig Entscheidungen zu treffen und Handlungsspielräume zu genießen, wie sie abhängig Beschäftigten verwehrt bleiben.

In Zeiten der Globalisierung gibt es gewiss viele wünschenswerten und notwendige Fortbildungen und Beratungsgegenstände für junge oder auch ältere Unternehmer, gegen die Psychologen im Wettstreit um das kostbare Gut „Zeit” antreten müssen. Worin könnte der spezielle Effekt bei einer Fortbildung bzw. Beratung durch Psychologen liegen?

Mehr als drei Viertel der Gründer sind nach drei Jahren nicht mehr aktiv, schreibt der KfW-Gründungsmonitor 2009. Das ist persönlich und gesellschaftlich völlig unbefriedigend. Die Psychologie kann auf ganz unterschiedliche Weise zu langfristig erfolgreichem Unternehmertum beitragen. Betrachten wir einmal beispielhaft die konkrete Gründungsphase: Die Motive, aus denen Menschen heraus mit einer Selbstständigkeit liebäugeln, sind vielfältig. Die Kernfrage, ob sie überhaupt die Kompetenzen mitbringen, die für eine erfolgreiche Selbstständigkeit notwendig sind, wird vor der Gründung nicht oder nicht ausreichend bzw. nicht richtig gestellt. Psychologen können mit entsprechenden Methoden Motive und Kompetenzen überprüfen und Empfehlungen ableiten – und damit den potenziellen Gründer in seinem Vorhaben bestärken oder auch das Augenmerk auf Alternativen lenken.

Psychologische Aspekte so wichtig wie Marktkenntnisse

Auch in der Nachgründungsphase gibt es Coachingbedarf. Wenn Mitarbeiter eingestellt werden, wenn sich das Team vergrößert, wenn die Führungsaufgaben des Unternehmers wachsen, dann ergeben sich zahlreiche neue Fragestellungen. Auch für Nachfolger in einem Unternehmen kann es schwierige bis heikle Fragestellungen geben, z. B., wenn sich die Kooperation mit dem Vorgänger als schwieriger erweist denn erwartet. In solchen Situationen zählt weniger die Kompetenz als Ingenieur und Manager, es geht vielmehr um die Gefühle, die im Spiel sind. In diesen Situationen ist psychologische Beratung geboten und hilfreich.

Kurz: Die Berücksichtigung der psychologischen Aspekte ist für potenzielle und junge Gründer mindestens so entscheidend wie Branchenwissen, Beratung zur Finanzierung oder Marktkenntnisse.

Im Bericht wird u.a. die schwierige Lage von Unternehmern in Risikosituationen angesprochen. Kann Risikomanagement mit psychologischer Unterstützung Ihres Erachtens besser gelingen? Und wenn ja, wodurch? Denken Sie, es könnte die Ausmaße einer Krise wie der letzten Finanz- und Wirtschaftskrise, bei der es ja in hohem Maße um falsch bewertete Risiken ging, beeinflussen?

Jede unternehmerische Entscheidung ist mit Risiken verknüpft. Diese Risiken unterscheiden sich in ihrer Bedeutung für das Unternehmen, im Wirkungszeitraum und auch in ihrem Entstehungsort (innerhalb oder außerhalb des Unternehmens). Psychologische Unterstützung kann dabei helfen, nicht nur Risiken zu identifizieren, sondern die dazugehörigen psychologischen Faktoren in das Risikomanagement mit einzubeziehen. So hilft ein ausgeklügeltes Krisenmanagement in der Öffentlichkeit wenig, wenn innerhalb des Unternehmens aufgrund mangelnder Kommunikation und Information die Unsicherheit unter den Mitarbeitern wächst und die Leistung nachlässt.

Zum Risiko sind im Zusammenhang mit der Finanz- und Wirtschaftskrise mindestens zwei Aspekte zu nennen: Ungeachtet des (gerade in Krisenzeiten viel zitierten) großen Einflusses der Psychologie auf die Wirtschaft und die Börse werden psychologische Erkenntnisse im wirtschaftlichen Alltagshandeln eher vernachlässigt. Bei der Bewältigung von Krisen selbst könnte psychologisches Know-how Hinweise für effektives Führungs- bzw. Kommunikationsverhalten bieten.

In großen Unternehmen arbeiten bereits eine ganze Reihe von Psychologen, vorzugsweise im Personalmanagement und in der Personalauswahl. Stellen sich in solchen Positionen auch ethische Fragen, gibt es ethische Konflikte z. B. im Zusammenhang mit Entlassungen, mit Gestaltung von Arbeitsprozessen, die zwar die Produktivität erhöhen, Menschen aber überfordern? Wird psychologische Expertise nicht auch zum Nachteil von Menschen missbraucht?

Uns geht es mit diesem Bericht um einen Einsatz psychologischer Erkenntnisse zum Wohle aller Beteiligten. Das kann auch bedeuten, dass Ergebnisse psychologischer Diagnostik den Klienten, der z. B. auf eine Führungsposition hofft, nicht unbedingt erfreuen – aber die nachfolgende Beratung zeigt ihm hoffentlich neue Perspektiven und Möglichkeiten.

Psychologen, die in und für Organisationen tätig sind, werden immer wieder mit Anliegen konfrontiert, die auf einen unethischen Einsatz psychologischer Erkenntnisse abzielen. Und selbstverständlich kann das Wissen der Psychologie auch zum Nachteil von Menschen angewandt werden. Vor dem Hintergrund des Berufes, unser besonderen Verpflichtung der Gesellschaft und dem Einzelnen gegenüber und auf Basis unserer Berufsordnung ist die Zielsetzung jedoch eine andere.

Echte Chance auch für Arbeitslose?

Im Bericht wird darüber geschrieben, wie man unter Arbeitslosen diejenigen ausfindig machen kann, die unternehmerisches Potenzial haben und in daher in diese Richtung gefördert werden sollten. Dazu zwei Fragen: Wie schätzen Sie das unternehmerische Potenzial ausgerechnet in einer Gruppe von Personen ein, die gerade beruflich aus welchen Gründen auch immer gescheitert sind? Was müsste wo geschehen, um dieses Potenzial sicher ermitteln und fördern zu können?

Die Gruppe der Arbeitsuchenden ist zu heterogen, um generelle Schlussfolgerungen über das vorhandene Unternehmerpotenzial ziehen zu können – auch hier kann unternehmerische Eignung vorhanden sein. Umso wichtiger ist in dieser Gruppe die sorgfältige Diagnostik z. B. der vorhandenen Fertigkeiten und der Motivation – nicht nur die unternehmerische Eignung betreffend, aber diese sollte besonders im Blick sein. Nach der Diagnostik (durchgeführt von Psychologinnen und Psychologen) folgt die konsequente Berücksichtigung der Ergebnisse bei der weiteren Planung und Beratung.

Und wie wollen Sie sicherstellen, dass nicht im Interesse der Anbieter solcher Tests und weiterer Fördermaßnahmen das Potenzial von Arbeitslosen geschönt wird?

Die Versuchung ist groß, mit Hilfe einer Existenzgründungsförderung Arbeitsuchende aus der Statistik zu entfernen. Die Agentur für Arbeit könnte in der Existenzgründungsberatung mit anderen Stellen (z. B. Fachverbänden) zusammenarbeiten, um die Eignungsüberprüfung und -beratung auf eine breitere Basis zu stellen.

Christa Schaffmann
Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen
Pressesprecherin
Tel. 030 – 209 166 620
c.schaffmann@bdp-verband.de

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