„Kinder kriegen alles mit“

Veröffentlicht am 16.10.2015 11:20 von admin

Presse-Infos | Psychiatrie

LWL-Experte zu Ursachen, Behandlung und Erforschung von Depressionen bei jungen Menschen

Prof. Dr. Dr. Martin Holtmann beobachtet eine Zunahme von Depressionen bei Vor- und Grundschulkindern. Foto: LWL

Prof. Dr. Dr. Martin Holtmann beobachtet eine Zunahme von Depressionen bei Vor- und Grundschulkindern. Foto: LWL

Hamm (lwl). Lange Zeit dachte man, an Depressionen könnten nur Erwachsene erkranken. Dabei zeigen schon Kleinkinder depressive Symptome. Warum das so ist und wie Eltern und Therapeuten diesen Kindern helfen können, erklärt Prof. Dr. Dr. Martin Holtmann, Ärztlicher Direktor der LWL-Universitätsklinik Hamm. Jährlich behandeln er und seine Kollegen in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie etwa 5500 Kinder und Jugendliche mit psychischen Erkrankungen. Bei einem Drittel der stationär behandelten Patienten wurde eine depressive Störung diagnostiziert.

Ab welchem Alter können Depressionen entstehen?

Holtmann: Lange Zeit dachte man, Depressionen wären eine Erkrankung im Erwachsenenalter. Man glaubte, dafür bräuchte es eine gewisse Entwicklungsreife. Mittlerweile ist man da anderer Meinung: Auch Kleinst- und Kleinkinder können depressiv sein. Das ist allerdings eher selten und fast immer eine Folge direkter Umfeldeinflüsse, etwa durch den Umgang schwer depressiver Eltern mit ihrem Kind. Deutlich häufiger werden Depressionen allerdings im Vor- und Grundschulalter.

Wie erklären Sie sich diese Zunahme?

Holtmann: Kindheit ist heute anders als vor ein paar Jahrzehnten. Die familiären Systeme haben sich geändert: Weniger Geschwister, die Eltern leben häufiger getrennt, mehr Alleinerziehende, im schulischen System ist es enger geworden, die Anforderungen steigen. Ich möchte Vergangenes nicht glorifizieren, dennoch glaube ich, dass Kinder in ihren Familien früher anders aufgefangen wurden. Viele Eltern wissen heutzutage nicht, wie sie in herausfordernden Situationen mit einem Kind umgehen. Das sieht man schon an den unzähligen Bänden von Ratgeberliteratur. Wird ein Kind depressiv, ist das häufig eine Reaktion auf belastende Lebensumstände. In der Therapie schauen wir daher auch nach belastenden Umfeldfaktoren. Eine Trennung der Eltern etwa oder chronischer Streit in der Familie. Manchmal sind die Ursachen auch weniger offensichtlich. Da geht es dann eher um Familiendynamik: Wie gehen die Familienmitglieder miteinander um? Wie viel Wertschätzung erfährt ein Kind? Je älter die Kinder werden, desto häufiger spielen auch Themen außerhalb der Familie eine Rolle. Etwa die Position in der Klassengemeinschaft und im Freundeskreis.

Wann sollten Eltern oder Lehrer aufmerksam werden?

Holtmann: Die meisten depressiven Kinder haben weniger Spaß am Spielen. Viele klagen über Bauch- oder Kopfschmerzen und Schlafstörungen. Ein Zeichen einer Depression kann auch verändertes Essverhalten sein: Entweder, die Kinder haben keinen Appetit mehr oder sie essen auf einmal sehr viel. Diesen Veränderungen muss nicht zwangsläufig eine Depression zugrunde liegen. Dennoch sollte man diese Symptome ernst nehmen und beobachten.

Können Eltern ihr Kind vor einer Depression schützen?

Holtmann: Es geht weniger um schützen, eher um unterstützen: Wie kann man in der Familie mit schwierigen Situationen wie einer Trennung umgehen? Natürlich gibt es da kein Patentrezept. Ein Ansatz ist aber, auch unangenehme und ernste Themen kindgerecht anzusprechen statt sie totzuschweigen. Viele Eltern sind ein bisschen blauäugig und denken, ihr Kind würde Konflikte nicht mitkriegen. Das stimmt meist nicht. Kinder kriegen fast alles mit.

Wie viele depressive Kinder werden überhaupt adäquat behandelt?

Holtmann: Man schätzt, dass etwa jedes zweite Kind mit einer psychischen Erkrankung angemessen behandelt wird. Leider ist es so, dass der Bildungsstand in diesem Zusammenhang eine große Rolle spielt: Kinder aus bildungsfernen Familien kommen seltener zu uns. Dabei haben sie aufgrund ihrer sozialen Umstände ohnehin ein höheres Risiko, psychisch zu erkranken. Diese Kinder sind also doppelt benachteiligt.

Wie sieht die Therapie von depressiven Kindern aus?

Holtmann: Auch hier spielt das familiäre Umfeld eine große Rolle. Eine rein psychotherapeutische Behandlung des Kindes ist selten. Vielmehr geht es um familientherapeutische Intervention. Man behandelt quasi die ganze Familie. Je älter die Patienten sind, umso mehr kann man auch einzeln mit ihnen arbeiten, etwa verhaltenstherapeutisch. Bei leichten und mittelschweren Depressionen behandeln wir die Betroffenen meist ambulant. Schwer depressiven Kindern hilft in der Regel nur ein stationärer Aufenthalt. Die Behandlung beginnt dann damit, wieder einen normalen Tag-Nacht-Rhythmus mit festen Schlaf- und Essenszeiten und regelmäßigem Besuch unserer Klinikschule herzustellen. Zur Aktivierung und Stimmungsverbesserung ist Bewegung sehr wichtig. Als Uniklinik versuchen wir natürlich auch, neue Therapieverfahren zu entwickeln. Wir haben zum Beispiel mehrere Studien zu Lichttherapie durchgeführt – mit ermutigenden Ergebnissen. Auf eine medikamentöse Behandlung der Depression verzichten wir bei Kindern nach Möglichkeit.

 

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