Gehörlos ungleich arbeitslos

Veröffentlicht am 25.10.2016 08:54 von MK

100-prozentige Erfolgsgeschichte: Frank Ilsebeck

Wenn Frank Ilsebeck seine Geschichte Revue passieren lässt, lächelt er glücklich. Im Moment kann es nicht besser laufen: Seine Ausbildung zur CNC-Fachkraft hat er erfolgreich abgeschlossen, hat Arbeit gefunden und auch in der Familienplanung stehen ihm positive Veränderungen bevor, denn in einigen Monaten wird er Vater.

Um mit einem Lächeln und seinem Ausbildungszertifikat in der Tasche vom Gelände des Berufsförderungswerks in Staßfurt zu gehen, hat er in den vergangenen Jahren viel gekämpft. Frank Ilsebeck ist von Geburt an gehörlos, hat eine schwere Krankheit hinter sich. Nachdem sich bei ihm die Arbeitslosigkeit wegen Insolvenz seines ehemaligen Unternehmens angekündigt hatte, bemühte er sich selbst um eine neue Perspektive und lernte daraufhin das Berufsförderungswerk Sachsen-Anhalt in Staßfurt kennen.

Während des RehaAssessments stellte sich schnell heraus, dass eine gewerblich-technische Ausbildung seinen Interessen und Kompetenzen entspricht. In einem vorgeschalteten Reha-Vorbereitungskurs sollten die schulischen Grundkompetenzen, wie Mathematik, Rechtschreibung und Grammatik, aufgefrischt werden. Dass das nicht einfach werden würde, zeigte sich ziemlich schnell. „Die deutsche Sprache, die sprechende und hörende Menschen täglich anwenden, stellt für Herrn Ilsebeck quasi eine Fremdsprache dar. Zum verbalen Kommunizieren mit den Teamkollegen und Lehrern, aber auch zum Verstehen von schriftlichen Anweisungen auf Arbeitsblättern sowie Fachtexten benötigt er die Unterstützung eines Gebärdendolmetschers“, erklärte Brigitte Kilian, Leiterin Qualifizierung im Bfw. So wurde eine ganz neue Unterrichtsstrategie geschaffen, die Frank Ilsebeck eine gesonderte Förderung ermöglichte. Während die Klasse Englisch lernte, trainierte der 26-Jährige Textverstehen in Deutsch. Immer an seiner Seite natürlich der Gebärdendolmetscher.

Mit Optimismus und Willen in die neue berufliche Zukunft

Trotz der guten Förderung machten sich die zuständigen Mitarbeiter und Lehrer des Bfw Gedanken zur Integration in den Arbeitsmarkt: Beim Arbeiten an Maschinen hören die Fachkräfte, wenn etwas nicht stimmt. Wie soll das bei Frank Ilsebeck funktionieren? Das Erstellen von CNC-Programmen verlangt sehr gute Mathematikkenntnisse, Fachkenntnisse aus der Fertigungstechnik und Werkstoffkunde, das Lesen und Verstehen von technischen Zeichnungen sind unerlässlich. In vielen Firmen wird in Mehrschichtsystemen gearbeitet. Kann auch Frank Ilsebeck das leisten und ist er den Anforderungen gewachsen? Für Frank Ilsebeck gab es solche Fragen nicht! Er war immer höchst motiviert, zeigte großes Interesse und einen starken Willen, um diesen Weg zu meistern.

Nach erfolgreichem Abschluss aller Vorbereitungsmaßnahmen startete die Ausbildung mit einem ganz individuellen Stundenplan, aber mit allen notwendigen Inhalten, z. B. CNC-Theorie und Praxis, technische Mathematik, Fachenglisch. Zusätzlich zu dem individuellen Training wurde der Rehabilitand in den Unterricht der Ausbildungsgruppen integriert.

 

Selbstbestimmtes Leben ist das Ziel

„Herr Ilsebeck ist ein Teilnehmer, der keinen üblichen Verlauf im Bfw absolviert hat und auch die Mitarbeiter des Berufsförderungswerks vor einige Herausforderungen stellte“, so Brigitte Kilian. Sowohl durch das Zusammenspiel von Optimismus als auch starkem Ehrgeiz des Teilnehmers sowie das Engagement aller zuständiger Bfw-Mitarbeiter und Lehrer wurde aus der Ausbildung des Rehabilitanden eine 100-prozentige Erfolgsgeschichte. Während der Vorbereitungs- und Qualifizierungsmaßnahmen bekam Frank Ilsebeck Unterstützung von allen Seiten im Bfw. Die Kompetenztrainer und Reha- und Integrationsmanager begleiteten ihn von Anfang an, die Arbeitsmarktexperten hatten die Integration in den Arbeitsmarkt stets im Auge. „Seit Beginn haben wir nach einem geeigneten Arbeitsplatz gesucht. Dieser musste bestimmte Voraussetzungen erfüllen, denn durch seine Erkrankung darf Herr Ilsebeck nicht in Nachtschichten arbeiten. Uns war klar, dass die Integration in den Arbeitsmarkt eine große Herausforderung werden wird. Gerade die CNC-Fachkräfte arbeiten nahezu vollständig im Drei-Schicht-System“, erklärte Michael Küchler, Arbeitsmarktexperte im Bfw.

Größter Wunsch von Frank Ilsebeck war es, wieder in ein Arbeitsverhältnis zu kommen, um ein selbstbestimmtes Leben mit regelmäßigem Einkommen zu führen. Und genau dieser Plan hat funktioniert. Frank Ilsebeck konnte nach mehrmonatigen Praktika in das Braunschweiger Unternehmen Sindermann Präzision GmbH integriert werden. „In diesem Unternehmen hat man das Potenzial von Herrn Ilsebeck sofort erkannt, sodass das Probepraktikum zu Beginn dieses Jahres sofort weitergeführt und die Anforderungen stets gesteigert wurden“, erklärte Michael Küchler.

Schnelle Fortschritte im Unternehmen

Dass das Unternehmen im Zwei-Schicht-System arbeitet und Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit hörgeschädigten Menschen hat, ist natürlich optimal für den ehemaligen Rehabilitanden des Bfws. „Durch unsere Erfahrungen fiel uns die Einarbeitung von Herrn Ilsebeck nicht schwer. Bereits nach sehr kurzer Zeit konnte er die Maschinen mit einfachen Drehteilen bestücken und Änderungen im Programm vornehmen. Nach dem Praktikum konnte Herr Ilsebeck bereits kleine Programme selbst schreiben. Die Entwicklung ist so gut, dass wir sagen können, dass Herr Ilsebeck nach einem Jahr in unserem Unternehmen als vollwertiger CNC-Facharbeiter beschäftigt ist“, erklärte Bernd Massmann von der Sindermann Präzision GmbH. Aufgrund der schnellen Fortschritte sind seine Chancen auf ein unbefristetes Arbeitsverhältnis nach der Probezeit mehr als gut.

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