Expertentagung der biha und DTL am „Tag gegen Lärm“: Aufklärung ist Prävention

Veröffentlicht am 04.05.2017 08:28 von Sabine Wagner

Wie wir Kinder vor Lärm schützen können war Thema der gemeinsamen Veranstaltung der Bundesinnung der Hörakustiker KdöR (biha) und der Deutschen Tinnitus-Liga e. V. (DTL) zum „Internationalen Tag gegen Lärm“, die am 26. April 2017 in Köln stattfand. Namhafte Vertreter aus Medizin, Forschung und Praxis führten in das Thema ein und beleuchteten vor allem den Alltag mit Blick auf das sensible kindliche Gehör. Wo beginnt Lärm, welche Folgen hat er, warum müssen Kinder besonders geschützt werden?

Georg Jaspert, Delegierter der biha, betont, dass gerade für Hörakustiker, die jeden Tag mit den Folgen von Lärmeinwirkung konfrontiert seien, Lärmprävention sehr wichtig sei: „Mehr Sensibilisierung der Öffentlichkeit treibt die Prävention voran.“ Dr. Ortwin Weltrich, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer zu Köln, sieht Lärmschutz bei Kindern ebenfalls als enorm wichtiges Thema an. Hier spreche er auch als Vater.

24 Stunden auf Empfang: Wie Lärm entsteht und auf das Gehör trifft, weiß Siegrid Meier, Dozentin der Akademie für Hörakustik (afh) in Lübeck: „In der Natur gibt es fast nie nur einen Ton. Ein Geräusch ist daher fast immer eine Vielzahl einzelner Töne, die das Gehör des Menschen ständig, 24 Stunden am Tag, identifiziert.“ Eine unglaubliche Leistung, die zeigt, dass das Gehör geschützt werden müsse.

Ein Ton zu viel: Ein lauter Knall kann bereits zu viel sein, auch im Kinderzimmer: Ein platzender Luftballon erreicht eine Lautstärke von 150 dB, eine Spielzeugpistole ebenfalls. Quietscheentchen schlägt mit 130 dB zu Buche. Direkt neben dem Ohr kann dieser Krach das kindliche Gehör irreparabel schädigen.

Schon Schulkinder hören schlecht: Prof. Dr. Martin Walger, Leiter der Audiologie und Pädaudiologie der Klinik für HNO-Heilkunde an der Uniklinik Köln, Leiter des Cochlear Implant Centrums Köln und ebenso des Hörscreeningzentrums Nordrhein sowie Präsident der deutschen Gesellschaft für Audiologie: „4 bis 5 Prozent der Schulkinder sind von einem Hörverlust ab 25 dB und mehr betroffen. Hinzu kommt eine beträchtliche Dunkelziffer.“ Zu den bekannten Folgen von Lärm für das Gehör kommen Störungen von Schlaf, Herz- und Kreislaufsystem, Konzentration und Lernfähigkeit und eine erhöhte Stressanfälligkeit.

Unterschätzte Gefahr: „Besonders gefährlich sind Lärmimpulse“, weiß Professor Walger. „5 Prozent der Gehörschäden an Silvester betreffen unter 25-jährige, das sind Kinder!“ Hier wird deutlich, dass Eltern ihre Kinder schützen müssen, auch „weil Kinder selbst Lärm und seine Gefahren nicht einschätzen können.“

Hörscreening und Hörhilfen für die Kleinsten: Dr. Ruth Lang-Roth, Oberärztin und Leiterin der Phoniatrie und Pädaudiologie, Leiterin des Cochlear Implantzentrums der HNO-Klinik des Universitätsklinikums Köln und Leiterin der Hörscreeningzentrale Nordrhein, ist Expertin für die Entwicklung des kindlichen Gehörs, frühkindliche Hörstörungen und ihre Diagnostik. Ungeborene hören bereits in der 25. Schwangerschaftswoche. Zwischen dem 2. und 4. Tag nach der Geburt wird der erste Hörtest, ein Hörscreening, unternommen. Dennoch werden manche Hörstörungen erst nach dem 12. Lebensmonat entdeckt, „wenn nämlich das heiß ersehnte ‚Mama‘ oder ‚Papa‘ ausbleibt“, weil sich aufgrund einer Hörschwäche die Lautsprache nicht entwickelt. Leichtere Beeinträchtigungen würden sogar erst im Schulalter entdeckt. Das 2009 eingeführte Hörscreening von Neugeborenen sei daher elementar wichtig.

„Hörbeeinträchtigungen sind die häufigste Sinnesbehinderung bei Kindern. Es betrifft 2 bis 3 Neugeborene unter 1.000. Und 50 Prozent aller kindlichen Hörstörungen entwickeln sich erst nach der Geburt.“ Regelmäßige Kontrolle ist wichtig. „Wir sind alle aufgefordert, wachsam zu sein. Kein Kind ist zu klein für eine Hörsystemversorgung“, sagt Lang-Roth. „Wir finden Lösungen, beispielsweise mit so genannten FM-Anlagen.“ Hier helfen Hörakustiker, die sich besonders auf die Versorgung von Kindern spezialisiert haben, die Pädakustiker.

Lärmschutz geht noch besser:  Prof. Dr. Katrin Neumann kennt die verschiedenen gesetzlichen Bestimmungen für Lärmschutz im Kindesalter, das betrifft Spielzeuge wie Schulräume und das alltägliche Leben. Sie wünschte sich noch besseren Lärmschutz in Deutschland. „Eine Gesellschaft ist umso fortschrittlicher, je sensitiver sie damit umgeht“, sagt Neumann.

Schluss mit Schall: Dirk Köttgen, Hörakustiker-Meister, stellt verschiedene Gehörschutze vor, die es für Kinder und Babys gibt. Sie können bis zu 25 dB aus der Lärmspitze nehmen. Für Kinderohren sehr wichtig. Die regelmäßige Kontrolle ist wichtig, da durch das Wachstum der Kinder und damit auch ihrer Ohren der Schutz nicht mehr passt und Schall durchlässt.

Lärmbedingter Tinnitus bei Kindern: Michael Bergmann, Geschäftsführer der Deutschen Tinnitus-Liga e. V., sagt: „Ja, lärmbedingte Ohrgeräusche treten auch schon bei Kindern und Jugendlichen auf. Bei Kindern, die normal hören, wird der Tinnitus sehr selten chronisch. Aber bei schwerhörigen Kindern tritt der chronische Tinnitus dagegen häufiger auf.“ Weiterhin führt Bergmann aus: „Oft fühlen sich die Kinder durch den Tinnitus gar nicht so sehr gestört, aber die Ursachen sollten in jedem Fall abgeklärt und gegebenenfalls entsprechend behandelt werden.“

Das Fazit der Experten: Gehörschutz beginnt mit der Aufklärung, er geht weiter mit der Architektur von Gebäuden und Räumen bis zur Ausstattung. Ein Teppich an der Wand – z. B. in Turnhallen – schützt schon deutlich vor Lärm. Lärmampeln und Lärm-Apps zeigen objektiv auf, wie laut es im Raum ist.

Die Experten fordern: „Prüfen Sie Ihre Hörgewohnheiten.“ Ständige Beschallung durch Radio, Fernseher, Computer oder Smartphone setzen Kinder einer ständigen Lärmquelle aus. Pausen sind für das kindliche Gehör unbezahlbar. In ruhiger Atmosphäre ein Buch vorzulesen wäre bereits eine wertvolle Auszeit. Der wohl einfachste und doch wichtige Rat an die Eltern und Erzieher: Mit der Entfernung von der Geräuschquelle nimmt die Lärmbelastung überproportional ab. 

 

Hintergrund zum Hörakustiker-Handwerk
Mit circa 6.000 Hörakustiker-Betrieben und rund 14.500 Hörakustikern versorgt das Hörakustiker-Handwerk etwa 3,5 Millionen Menschen in Deutschland mit qualitativ hochwertigen, volldigitalen Hörsystemen. Die Bundesinnung der Hörakustiker KdöR (biha) vertritt die Interessen der Hörakustiker in Deutschland.

 

Über die Deutsche Tinnitus-Liga e. V. (DTL)
Die Deutsche Tinnitus-Liga e. V. (DTL) vertritt als gemeinnützige Selbsthilfeorganisation die Interessen der Patienten mit Tinnitus, Hörsturz, Hyperakusis und Morbus Menière sowie ihrer Angehörigen. Rund 12.000 Mitglieder machen die DTL zum größten Tinnitus-Zusammenschluss in Europa und zum anerkannten Partner des Gesundheitswesens in Deutschland. Über 800 Fachleute gehören der DTL als Partner und fördernde Mitglieder an, darunter renommierte Wissenschaftler, HNO-Ärzte, Ärzte weiterer Disziplinen, Hörgeräteakustiker, Psychologen und Therapeuten. Außerdem werden rund 90 Selbsthilfegruppen in Deutschland durch die DTL betreut. Gegründet wurde die Deutsche Tinnitus-Liga e. V. 1986 in Wuppertal.

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