Einrichtungen wandeln stationäre Pflegeplätze in ambulante Pflege um „Report Mainz“, heute, 4. November 2014, um 21.45 Uhr im Ersten

Veröffentlicht am 04.11.2014 16:37 von admin

4. November 2014
21:45

 

Mainz – Pflegeheimbetreiber wandeln vermehrt stationäre Pflege in ambulante Pflegeplätze um und verursachen dadurch nach Einschätzung von Experten und Kassenvertretern enorme Zusatzkosten für die Kranken- und Pflegekassen. Das berichtet das ARD-Politikmagazin „Report Mainz“ (heute, 4. November, 21.45 Uhr im Ersten).

Der Gesundheitsökonom Prof. Stefan Greß von der Hochschule Fulda kritisiert das Vorgehen von Heimbetreibern im Interview mit „Report Mainz“ als „Missbrauch“. Wörtlich sagte er: „Ich sehe diese Praxis der Umwandlung von Heimplätzen in ambulante Plätze als Etikettenschwindel, weil sich für die Bewohnerinnen und Bewohner nichts ändert, aber gleichzeitig die Kosten steigen.“ Er rechne sowohl für die Krankenkassen als auch für die Pflegekassen mit zusätzlichen Ausgaben „jeweils im dreistelligen Millionenbereich“.

Hintergrund ist, dass Heimbetreiber in ihren stationären Einrichtungen bestehende Pflegezimmer zu Appartements umfunktionieren und so ambulante Pflege- und Betreuungsleistungen einzeln abrechnen können. Fachleute sprechen dabei auch von „Ambulantisierung“. So können etwa die Pflege als ambulante Pflege und die Betreuung im Gemeinschaftsraum als Tagespflege abgerechnet werden. Hinzu kommen Leistungen der so genannten „häuslichen Krankenpflege“, also etwa die Medikamentengabe oder Wundversorgung, die von der Krankenkasse bezahlt werden. In stationären Einrichtungen sind diese Leistungen hingegen pauschal mit dem jeweiligen Pflegesatz abgegolten.

„Report Mainz“ berichtet über den Pflegekonzern SeniVita gGmbH aus Bayreuth, der die Umwandlung zur Unternehmensstrategie erklärt hat. SeniVita hat nach eigenen Angaben inzwischen sechs seiner stationären Alten- und Pflegeeinrichtungen ambulantisiert. Im Interview mit „Report Mainz“ sagt SeniVita-Geschäftsführer Horst Wiesent, mit seinem Modell „Altenpflege 5.0“ könne man „unwahrscheinlich individuell die Pflegeleistung anbieten. Dadurch ist natürlich die Selbstbestimmung ganz, ganz groß geschrieben.“

In einer der betreffenden SeniVita-Einrichtungen schilderten Pflegekräfte gegenüber „Report Mainz“, dass trotz Wahlfreiheit alle Bewohnerinnen und Bewohner den SeniVita eigenen ambulanten Pflegedienst gewählt hätten, weil dies „aufgrund des Systems praktisch sei“. Bewohner und Angehörige berichten, es habe sich in der Pflege und in den Abläufen de facto nichts geändert. Eine Angehörige sagte wörtlich: „Der einzige Unterschied ist, dass man jetzt ein Appartement gemietet hat, statt dass man in einem Pflegezimmer lebt.“

Die AOK Bayern sieht dieses Geschäftsmodell kritisch. Deren Direktor für Grundsatzfragen, Harold Engel, sagte gegenüber „Report Mainz“: „Ich würde mal sagen, es ist eine Lösung, die sich nur erschließt, wenn es um die Frage geht, ob man damit besser Geld verdienen kann.“ „Report Mainz“ liegt exklusiv ein internes Papier der AOK Bayern vor. Demnach rechnet die Kasse auf Basis erster Abrechnungen allein in den SeniVita-Einrichtungen in der AOK-Direktion Bayreuth mit eigenen Mehrkosten von jährlich rund 400.000 Euro für die „häusliche Krankenpflege“. Wörtlich heißt es: „Diese Ausgaben entstehen allein durch die Umstellung von stationärer Pflege auf die ‚Altenpflege 5.0′“.

SeniVita Geschäftsführer Wiesent räumt gegenüber „Report Mainz“ ein, dass das Modell für die Krankenkassen teurer werde. Für sein Unternehmen halte er künftig Umsatzsteigerungen von 30 Prozent für realistisch. Wegen eines erhöhten Aufwandes sei dies „legitim und letztlich auch gut so.“

Nach Recherchen von „Report Mainz“ haben Pflegeheimbetreiber bereits in sieben Bundesländern (Bayern, Nordrhein-Westfalen, Thüringen, Bremen, Hamburg, Brandenburg und Niedersachsen) solche „Ambulantisierungen“ vorgenommen. Branchenkenner rechnen mit weiteren Umwandlungen, zumal der Bundestag in dem jüngst verabschiedeten Pflegestärkungsgesetz die ambulanten Leistungen weiter verbessert hat. So kann ab 1. Januar 2015 die Tagespflege neben der ambulanten Pflege zu 100 Prozent abgerechnet werden. Ziel der Politik ist es dabei vor allem, die häusliche Pflege in den eigenen vier Wänden zu stärken.

Das Bundesgesundheitsministerium teilte „Report Mainz“ auf Anfrage mit, es lägen ihm keine Angaben zu dem Ausmaß von Umwandlungen vor. Jede Verbesserung von Sachleistungen der Pflegeversicherung könne zu Umsatzsteigerungen bei den Leistungserbringern führen. Eine „Zunahme der ambulanten Versorgung in Wohngruppen“ führe indes „nicht zu einer Kostenexplosion“. Dem hält Gesundheitsökonom Prof. Greß entgegen: „Ich befürchte, dass wir da noch am Anfang einer Entwicklung stehen, dass die Pioniere, die das jetzt machen, anderen davon erzählen, damit auch so eine Art Lawine ins Rollen bringen.“

Weitere Informationen unter www.reportmainz.de. Zitate gegen Quellenangabe „Report Mainz“ frei. Pressekontakt: „Report Mainz“, Tel. 06131/929-33351.

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