Eine Diagnose – zwei Patienten: Rehabilitation nach dem RATZEBURGER MODELL

Veröffentlicht am 20.05.2014 12:50 von MSEIGEL

Pflegende Angehörige von Demenzkranken erhalten im Alzheimer Therapiezentrum Ratzeburg psychosomatische Rehabilitation – das betroffene Familienmitglied können sie mitbringen.

Partner und betreuende Angehörige von Menschen mit Demenz ertragen jahrelang deren oft problematische Verhaltensweisen. Aber sie schweigen, weil es ihnen peinlich ist oder sie den Betroffenen nicht bloßstellen wollen. Selten nehmen sie sich Zeit für einen Arztbesuch in eigener Sache und kommen allenfalls als Begleitung eines von Demenz betroffenen Patienten in die Praxis. Dabei sind pflegende Angehörige genauso von der Krankheit betroffen: eine Diagnose zwei Patienten. Das hat Konsequenzen für die Pflegesituation. Gerät sie aus dem Gleichgewicht, kann der pflegende Angehörige nicht mehr eine für beide passende Pflegesituation gestalten.

„Dass es soweit kommt, liegt nach unseren Kenntnissen vor allem daran, dass pflegende Angehörige kaum über ihre besonderen Belastungen sprechen, die durch soziale Isolation, Trauer, ihre wachsende Verantwortung entstehen“, beschreibt der Chefarzt des Alzheimer Therapiezentrums, Synan Al-Hashimy, die Situation seiner Patienten. Dabei brauchen Menschen, die ein an Demenz erkranktes Familienmitglied pflegen, eigentlich schon bald nach der Diagnosestellung für diese schwierige Situation dringend Bewältigungsstrategien. „Unser Behandlungskonzept stabilisiert die pflegende Angehörige psychisch und befähigt sie wieder, sich selbst wahrzunehmen sowie für sich und den Demenzkranken angemessen zu sorgen.“ Durch Schulungen könnten sie die Welt und die Krankheitsverläufe von Demenzkranken besser verstehen und motiviert werden, künftig ambulante Hilfsangebote für sich und den Demenzkranken in Anspruch zu nehmen und die durch die Krankheit entstandene Isolation zu durchbrechen.

Demenz: eine Diagnose – zwei Patienten

Wesentliches Merkmal des Behandlungskonzepts nach dem Ratzeburger Modell ist die Mitnahme des an Demenz erkrankten Familienmitglieds. Entwickelt wurde dieses Angebot, weil es einem Angehörigen durch das enge Pflegeverhältnis schwer fällt, den von ihm Betreuten in andere Hände zu geben. Im Alzheimer Therapiezentrum werden Demenzerkrankte sogar in den Behandlungsprozess miteingebunden: Unter anderem nehmen sie gemeinsam mit den pflegenden Angehörigen an ausgewählten Therapien teil und erhalten zusätzlich noch eigene therapeutische Angebote.

Diese Interaktion ist ein wichtiger und zentraler Bestandteil der Behandlung: Neu Erlerntes im Umgang mit Demenzkranken (z.B. Validation), kann gleich praktisch geübt und umgesetzt werden. Die Begegnung zwischen Angehörigem und Demenzkrankem wird im geschützten Rahmen ohne Versorgungsbelastung erlebt. Das Therapieangebot umfasst ärztliche Visiten, Einzel- und Gruppenpsychotherapie, Schulungsmaßnahmen zum Thema Demenz, Entspannungsverfahren, Kunst-, Musik- und Ergotherapie, Physikalische Anwendungen, Krankengymnastik.

Grundlage für dieses außergewöhnliche Behandlungskonzept ist ein zwischen den gesetzlichen Krankenkassenverbänden und der Röpersbergklinik Ratzeburg GmbH Fachbereich Alzheimer Therapiezentrum bestehender Versorgungsvertrag gemäß § 111 SGB V. Seit 1. Mai 2012 gelten die mit den Verbänden der Krankenkassen geschlossenen Vergütungsvereinbarungen. Außerdem erleichtert seit Anfang 2013 das Pflegeneuausrichtungsgesetz (PNG) pflegenden Angehörigen, medizinische Vorsorge und Rehabilitation in Anspruch zu nehmen und den Pflegebedürftigen mitzunehmen.

In Ratzeburg werden pflegende Angehörige auf Basis einer Einweisungsdiagnose, die der Haus- oder ein anderer Facharzt stellt, stationär aufgenommen. Die Behandlungsdauer beträgt in der Regel 21 Tage. Es steht pflegenden Angehörigen frei, ihr demenzkrankes Familienmitglied mitzubringen: Entweder als Begleitperson im Alzheimer Therapiezentrum (wenn keine oder die Pflegestufe 0 für den Demenzkranken vorliegt) oder im Rahmen der Kurzzeitpflege (bei Vorliegen der Pflegestufen 1-3) im Pflegeheim Haus Park Röpersberg, das sich im selben Gebäudekomplex befindet. Das Konzept greift, denn 85 Prozent der Rehabilitanden des Alzheimer Therapiezentrums nutzen diese Möglichkeit.

Positive Effekte für die Pflegesituation

Rund zwei Jahre nach dem Start im Januar 2012 sieht der Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und psychotherapeutische Medizin Synan Al-Hashimy positive Effekte nicht nur für seine Patienten, sondern auch für deren demenzkranke Angehörige und schließlich sogar für die Kostenträger: „Es werden persönliche Ressourcen beim pflegenden Angehörigen wieder aktiviert, gestärkt und erhalten, z.B. durch den Aufbau eines stabilen ambulanten Netzwerkes, eventuell ambulanter Psychotherapie und auch Tagespflege für den Demenzkranken. Auch bei diesem können noch vorhandene Ressourcen wieder entdeckt und aktiviert werden: Die Entwicklung einer depressiven Störung wird weniger wahrscheinlich (hauptsächlich im Anfangsstadium der Demenz).“ Auch sinke die Wahrscheinlichkeit für den Rehabilitanden, ein noch ausgeprägteres chronifiziertes psychisches Krankheitsbild zu entwickeln. Sein Fazit: Folgekosten könnten reduziert oder ganz vermieden werden. Das kostensparende Konzept „ambulant vor stationär“ wird unterstützt, weil der Angehörige den Demenzkranken weiterhin zu Hause versorgen kann.

Beratung für niedergelassene Ärzte

„In diesem Sinne wollen wir die kollegiale Zusammenarbeit zum Wohl derjenigen Menschen fördern, die ihre demenzkranken Angehörigen zu Hause versorgen – bevor alles aus dem Gleichgewicht gerät, weil die Pflegeperson, erdrückt von seelischer Not und erschöpft von permanenter Schlaflosigkeit erkrankt und selbst zum Pflegefall wird“, betont Al-Hashimy. Dazu hat er mit seinem Team Material für niedergelassene Ärzte entwickelt, das es u.a. auch zum Download gibt: Arzt-Informationen zur Rehabilitationsbehandlung von Patienten, die unter Überlastungssymptomen oder Anpassungsstörungen leiden, hervorgerufen durch die Pflege eines Menschen mit Demenz, sowie ein Leitfaden für die Beantragung einer Rehabilitation und den Widerspruch bei Ablehnung. Dazu gibt es schon bald eine 50 Seiten umfassende Patientenbroschüre, die speziell pflegenden Angehörigen von Menschen mit Demenz hilft, die eigene Belastung besser einschätzen zu können (Selbst-Test) und Entlastungsangebote anzunehmen.

Kontakt:
Alzheimer Therapiezentrum Ratzeburg
Schmilauer Straße 108
23909 Ratzeburg

Telefon 04541-133820
E-Mail: info@atzrz.de
www.reha-pflegende-angehoerige.de

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