Die globalisierte Welt fordert Reha-Kliniken heraus

Veröffentlicht am 09.06.2017 10:00 von Susanne Werner

FRANKFURT. Reha-Kliniken sollten sich im Diversity-Management fit machen, um auf künftige Herausforderungen vorbereitet zu sein. Davon ist der Bielefelder Professor Oliver Razum überzeugt. „Ein kultursensibles Essensangebot sowie Piktogramme zur Orientierung in der Klinik werden nicht ausreichen, um sich auf Menschen mit Migrationshintergrund angemessen einzustellen“, sagte der Arzt und Gesundheitswissenschaftler jüngst auf dem 26. Reha-Kolloquium in Frankfurt. Der Reha-Kongress, der mit 1600 Teilnehmern zum bedeutendsten Reha-Forum in Deutschland zählt, stand in diesem Jahr unter dem Titel „Prävention und Rehabilitation im Zeitalter der Globalisierung.“

Kulturelle Unterschiede unter den Rehabilitanden
Die globalisierte Welt ist in der Rehabilitation längst angekommen. Beispielsweise in der Klinik „Sonnenblick“ der Deutschen Rentenversicherung (DRV) Hessen. Der Anteil an Rehabilitanden mit Migrationshintergrund steigt dort zuweilen auf 30 Prozent an, sagt Chefarzt Dr. Ulf Seifart. Sprachliche und kulturelle Hürden seien dann täglich zu meistern. „Patienten aus Japan und Russland spielen Schmerzen und Beschwerden eher herunter, Menschen aus dem Mittelmeer drücken diese dagegen eher aus“, erzählt Seifart. Da die Rehabilitation vor allem eine „sprechende Medizin“ sei, müssten Ärzte ein „anderes Ohr“ entwickeln, um das jeweilige Verständnis der Erkrankung und die verschiedenen Ausdrucksformen der Patienten einschätzen zu lernen. Die globalisierte Welt bringt aus seiner Sicht viele ethische und religiöse Fragen mit sich, auf die sich die Reha-Kliniken jetzt einstellen müssten.

Migranten sind keine homogene Gruppe
Gesundheitswissenschaftler Razum hält es für besonders wichtig, das Klinik-Personal auf den Umgang mit Patienten aus unterschiedlichen Herkunftsländern umfassend vorzubereiten. Dazu sei es notwendig, den Umgang mit Unterschiedlichkeit systematisch anzugehen. So sollten Beschäftigte in den Kliniken zunächst gemeinsam reflektieren, was sie an dem Verhalten der ausländischen Rehabilitanden als fremd empfinden und was sie irritiert. Des Weiteren seien Aushandlungsprozesse mit den Rehabilitanden nötig, um ihnen zu vermitteln, was in einer Reha möglich ist und was nicht. Schnell könne dies jedoch auch politische und kulturelle Dimensionen haben, weiß Razum. Denn Menschen, die aus ein- und demselben Herkunftsland stammen, seien selten eine homogene Gruppe. Fortschrittlich Denkende, Traditionsverhaftete finden sich ebenso darunter wie streng Religiöse und politische Ideologen. „Es geht darum zu erkennen, dass alle Patienten unterschiedliche Sichtweisen und Bedürfnisse haben. Die kulturelle Prägung ist nur eine davon“, betont der Migrationsexperte.

Moderne Medizin stärkt die Überlebenschancen
Auch die Medizin hat von der Globalisierung profitiert. Zum Beispiel bei den Krebserkrankungen. Therapien, die weltweit in Forschungslaboren entwickelt wurden, verbessern heute die Behandlung und steigern die Überlebenschancen der Betroffenen. Eine besondere Erfolgsgeschichte ist der Kampf gegen den Gebärmutterhalskrebs. Professor Harald zur Hausen, 2008 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet und jetzt Plenarredner beim Reha-Kolloquium, schätzt, dass rund 20 Prozent aller Krebserkrankungen durch Infektionen mit ausgelöst werden. In verschiedenen Studien konnte der Arzt und Forscher nachweisen, dass bestimmte Untergruppen des Humanen Papillomavirus (HPV) sogar ursächlich für die Entstehung des Gebärmutterhalskrebses sind. Auf Basis dieser Erkenntnis wurde ein entsprechender Impfstoff entwickelt. Das Impfen sieht zur Hausen vor allem auch als kostengünstigen, präventiven Ansatz, der insbesondere für ärmere Länder geeignet ist. Gebärmutterhalskrebs zähle in einigen Entwicklungsländern zu den zentralen Todesursachen von Frauen. In Tansania beispielsweise liege die Sterblichkeitsrate sogar über der von Brustkrebs. Weltweit gebe es rund 530.000 neue Infektionen, etwa die Hälfte davon führe zum Tode.

Nach der Krebsdiagnose in der Reha wieder leben lernen
Bei vielen anderen Krebserkrankungen hat die internationale Forschung für deutliche Fortschritte in der Behandlung gesorgt. Während früher eine Krebsdiagnose einem Todesurteil gleichkam, so Onkologe Seifart, überleben derzeit etwa 60 Prozent aller Patienten die Erkrankung, unter den 18-39-Jährigen sogar 80 Prozent. In der Rehabilitation gehe es dann darum, die Betroffenen trotz ihrer Beeinträchtigungen auf die Rückkehr ins „normale“ Leben und damit auch an den Arbeitsplatz vorzubereiten. Die meisten Rehabilitanden strebten dies an, so Seifart, Einzelne haben aber auch andere Erwartungen. „Eine Patientin, die aus Griechenland stammte und 40 Jahre lang in Deutschland gearbeitet hatte, ging davon aus, dass sie nach der onkologischen Reha ihre Rente antreten werde. Dies war aber medizinisch gar nicht indiziert“, berichtet der Onkologe. Rehabilitanden aus anderen Kulturkreisen würden sich hingegen in den Beratungen wundern, dass das deutsche Sozialsystem überhaupt solche Möglichkeiten bereithält.

Globalisierung erhöht den Druck in der Arbeitswelt
Mit der Globalisierung hat sich schließlich auch die Arbeitswelt verändert. In den Unternehmen haben sich die Aufgaben für die Einzelnen deutlich verdichtet, die Termine ballen sich und der Konkurrenz-Druck in den Branchen nimmt zu. Das kommt bei den Beschäftigten an, die dann in der Reha nach individuellen Lösungen für sich suchen. Nötig sei daher, so Seifart, dass die Reha-Kliniken ihre Konzepte und Behandlungsangebote entsprechend weiterentwickeln und vermehrt auf die spezifischen Belastungen der Patienten eingehen. Dies brauche es nicht nur intensivierte ergotherapeutische und psychologische Angebote im Rahmen der medizinisch-beruflich orientierten Rehabilitation (MBOR), sondern auch eine bessere Integration der Sozialberatungen an den Kliniken.

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