„Der Tinnitus muss Ihnen egal sein!“ – Ehrenamtlichen-Schulung der Deutschen Tinnitus-Liga e. V. zeigt Wege zum besseren Umgang mit chronischen Ohrgeräuschen auf

Veröffentlicht am 14.06.2017 09:16 von Sabine Wagner

Ein vielfältiges Programm zum besseren Umgang mit chronischen Ohrgeräuschen wurde auch in diesem Jahr bei der Schulung der ehrenamtlich Tätigen der Deutschen Tinnitus-Liga e. V. (DTL) geboten, die vom 9. bis 11. Juni 2017 stattfand. DTL-Berater und Sprecher der Selbsthilfegruppen aus ganz Deutschland kamen nach Bonn-Bad Godesberg, um sich in Vorträgen über Rehabilitation, Hörgeräteversorgung, Selbsthilfe, Hör- und Kommunikationstraining und Schlafstörungen sowie einem abwechslungsreichen Workshop-Programm fortzubilden.

In seiner Begrüßungsrede am Freitagabend wies DTL-Präsident Volker Albert darauf hin, dass laut einer aktuellen Studie viele Menschen in Deutschland Schwierigkeiten hätten, gesundheitsrelevante Informationen zu verstehen. Er dankte den ehrenamtlich Tätigen der Deutschen Tinnitus-Liga e. V. für ihre Arbeit: Die Beratung und Vermittlung wichtiger Informationen über Tinnitus & Co. führe zu „mündigen Betroffenen“ und trage so zum Abbau kommunikativer Schwellen in der Beziehung zwischen Arzt und Patient bei.

Im Anschluss referierte Dr. med. Roland Zeh, Chefarzt der Abteilung Hörstörungen, Tinnitus und Schwindel der Median Kaiserberg-Klinik Bad Nauheim, über „Rehabilitationskonzepte für Schwerhörige, CI-Träger, Tinnitus- und Morbus-Menière-Betroffene“. Für die Rehabilitation schwerhöriger Menschen benannte Dr. Zeh drei Säulen der Behandlung, die in der Verbesserung der Kommunikation durch Audiotherapie und Optimierung der Hörgeräteversorgung, in der emotionalen Auseinandersetzung mit der Schwerhörigkeit sowie in der psychovegetativen Stabilisierung bestehen. Dr. Zeh, der selbst CI-Träger ist und bereits 6000 CI-Träger in der Reha behandelt hat, erläuterte zudem die Vorteile eines Cochlea-Implantats (CI). Weiterhin führte er aus, dass Tinnitus eine Störung der zentralen Hörverarbeitung im Gehirn und der Hörwahrnehmung sei. Dabei könne jeder seine Wahrnehmung durch Umlenken der Aufmerksamkeit selbst beeinflussen. Der wichtigste Grundsatz laute: „Der Tinnitus muss Ihnen egal sein!“

Ein bedeutender Therapie-Baustein besteht in der Versorgung schwerhöriger Tinnitus-Betroffener mit Hörgeräten. So referierte die Hörakustiker-Meisterin Gabriele Lux-Wellenhof aus Frankfurt am Main am Samstagmorgen über „Die richtige Hörgeräteversorgung als integratives Mittel im Sinne der Teilhabe am gesellschaftlichen und beruflichen Leben“. Sie verwies auf den erhöhten Energieaufwand, den das Verstehen Schwerhörige koste. Lux-Wellenhof zufolge entscheiden sich die meisten Menschen zu spät für eine Hörgeräteversorgung, das Gehirn habe dann schon verlernt, wie Sprache klinge. Anschließend sprach der Diplom-Psychologe Jürgen Matzat von der Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen in Gießen über „Die Selbsthilfegruppe als Ort der Fortsetzung rehabilitativer und präventiver Maßnahmen“ und zeigte die Entwicklung der Selbsthilfe in Deutschland auf.

Am Samstagnachmittag stand ein abwechslungsreiches Workshop-Programm zur Auswahl: Die Themen reichten von der kognitiven Verhaltenstherapie (Dr. Margot Imhäuser), der Musiktherapie (Dorothea Dülberg) über rechtliche Fragen zur Reha bei Tinnitus (DTL-Geschäftsführer Michael Bergmann) bis hin zur Schulung der körperlichen Fähigkeiten mit „Smovey-Ringen“ als Trainingsgeräte (Monika Panholzer) und der Hör- und Kommunikationstaktik in Beruf und Alltag (Erika Classen).

Das Thema „Hör- und Kommunikationstraining“ griff die Referentin Erika Classen aus Überlingen am Sonntagmorgen auch nochmals in einem Vortrag auf. Sie betonte, dass der Betroffene seine Behinderung für sich selbst annehmen müsse. In der Verständigung am Arbeitsplatz sei es wichtig, die gut hörenden Kollegen immer wieder beharrlich und geduldig auf seine Verständnis- und Kommunikationsprobleme hinzuweisen.

Über die „Effektive und nachhaltige Behandlung von Schlafstörungen bei Tinnitus“ sprach der Psychologische Psychotherapeut Wilfried Pehle aus Detmold. Er erläuterte die Vorgänge im Körper während der verschiedenen Schlafphasen. Abschalten sei in der heutigen, von Leistungsdruck bestimmten Zeit viel schwieriger geworden. Vor dem Schlafen sei eine Ruhephase hilfreich, die möglichst von Reizarmut und Monotonie geprägt sein sollte. Bei Schlafstörungen seien Entspannungsmethoden wie Progressive Muskelentspannung oder Autogenes Training ratsam, die man automatisch nachts anwenden kann, um besser in den Schlaf zu kommen. Wichtig sei außerdem die Akzeptanz der Schlafstörung, um sich selbst den für den Schlaf kontraproduktiven Druck zu nehmen. Diese Gelassenheit ist auch im Umgang mit chronischen Ohrgeräuschen erstrebenswert, wie die vielen Beiträge dieses abwechslungsreichen Fortbildungswochenendes zeigten.

Bildunterschrift:
Die Teilnehmer der Ehrenamtlichen-Schulung der Deutschen Tinnitus-Liga e. V. trafen sich in Bonn-Bad Godesberg. Foto: Sabine Wagner.

Über die Deutsche Tinnitus-Liga e. V. (DTL)
Die Deutsche Tinnitus-Liga e. V. (DTL) vertritt als gemeinnützige Selbsthilfeorganisation die Interessen der Patienten mit Tinnitus, Hörsturz, Hyperakusis und Morbus Menière sowie ihrer Angehörigen. Rund 12.000 Mitglieder machen die DTL zum größten Tinnitus-Zusammenschluss in Europa und zum anerkannten Partner des Gesundheitswesens in Deutschland. Über 800 Fachleute gehören der DTL als Partner und fördernde Mitglieder an, darunter renommierte Wissenschaftler, HNO-Ärzte, Ärzte weiterer Disziplinen, Hörgeräteakustiker, Psychologen und Therapeuten. Außerdem werden rund 90 Selbsthilfegruppen in Deutschland durch die DTL betreut. Gegründet wurde die Deutsche Tinnitus-Liga e. V. 1986 in Wuppertal.
Weitere Infos: www.tinnitus-liga.de

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