Der Gemeinsame Bundesausschuss konkretisiert das Entlassungsmanagement!

Veröffentlicht am 19.10.2015 11:41 von Bade

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Entlassungsmanagement der Zukunft

Ein einheitliches Verfahren zur Umsetzung des sozialrechtlichen Anspruchs auf ein Entlassungsmanagement nach Krankenhausaufenthalt gibt es in Deutschland bisher nicht. Jedes Krankenhaus und jede nachsorgende Einrichtung haben seit Jahren zu den Themen „Entlassung“ oder „Überleitung“ eigene Vorstellungen. Valide Versorgungsanalysen liegen schon gar nicht vor und der Gesetzgeber versucht durch ständige Anpassung der Sozialgesetzbücher Leistungserbringer und Krankenkassen zum Handeln zu bringen. Nun handelt der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), mit wichtigen Folgen für alle Player im Markt.
Im Juni 2014 hatte der G-BA die Erarbeitung einer Konzeptskizze für ein einrichtungsübergreifendes und möglichst sektorenübergreifendes Qualitätssicherungsverfahren für das Entlassungsmanagement beim AQUA-Institut in Auftrag gegeben. Ein Jahr später hat das AQUA-Institut einen Bericht über Qualitätsdefizite und Verbesserungspotenziale zum Entlassungsmanagement veröffentlicht und Qualitätsziele abgeleitet. Die Konzeptskizze wurde am 17. September 2015 vom G-BA abgenommen. Über die weitere Umsetzung entscheidet der G-BA wahrscheinlich Mitte 2016. In der Konzeptskizze Entlassungsmanagement werden erstmalig Fragestellungen und Prozessabläufe zum Entlassungsmanagement konkretisiert, die Eignung von Erhebungsinstrumenten geprüft sowie Empfehlungen ausgearbeitet.
Auf Basis der Versorgungsanalysen im Rahmen der Themenerschließung wurden Potenziale zur Qualitätsverbesserung hinsichtlich der patientenrelevanten Endpunkte

  • ungeplante Wiederaufnahmen,
  • ambulante Notfallbehandlungen,
  • Versorgungslücken nach der Beendigung des Krankenhausaufenthalts sowie
  • Selbstbestimmtheit und Kompetenz des Patienten im Versorgungsprozess

ermittelt.
Viele Leistungserbringer, die sich mit dem Thema in den letzten Jahren beschäftigt haben, werden sagen, dass sie das alles schon wussten. Aber der G-BA liefert erstmals Fakten, die so manchen Krankenhausdirektor und Kassenchef überraschen werden.
Das Phänomen des Drehtüreffektes wurde durch Hochrechnungen anhand von Routinedaten einer Krankenkasse bei 14 % (N = 10.401.752) der Krankenhausfälle als Wiederaufnahme innerhalb von  30 Tagen identifiziert. Am sechsten Tag nach einer Entlassung aus einem Krankenhaus wurden auf das gesamte Jahr bezogen über 80.000 Fälle wieder aufgenommen. Ambulante Notfallbehandlungen innerhalb von 30 Tagen nach Entlassung wurden bei 5 % (N = 10.401.752) aller aufgetretenen Krankenhausfälle evident. So manches Krankenhaus mit etablierten Entlassungsmanagement wird überrascht sein, dass ein Drittel der Notfallkontakte bereits in den ersten vier nachstationären Tagen stattfand.

Interpretiert man diese Zahlen als Fehlversorgung oder sogar Behandlungsfehler stellt sich die Frage nach Verantwortlichkeiten und Konsequenzen. Offensichtlich hat der G-BA erkannt, dass der sozialrechtliche Anspruch auf ein Entlassungsmanagement bei vielen Leistungserbringern ein negatives Image hat. Bisher wurde der Begriff vom Gesetzgeber nicht genau definiert und notwendige Leistungen können im Fallpauschalen System der Krankenhäuser oder durch Vergütungsregelungen im ambulanten Bereich nicht refinanziert werden. Probleme von Zuweisungen gegen Entgelt und unzulässiger Kooperationen erschweren zusätzlich so manch gut gemeinte Zusammenarbeit zwischen Krankenhaus und nachsorgenden Leistungserbringern. Daher wurde in dem Konzeptpapier die Finanzierung des Entlassungsmanagements als generelles Problem angesprochen. Gutes Entlassungsmanagement koste auch was, steht im Anhang D3 zu lesen. Vorstellbar für den G-BA wäre, dass für Fälle, bei denen Leistungen durch ein initiales Assessment ausgelöst wurden, eine Vergütung des Entlassungsmanagements von 50€ pro Fall erfolge. Eine Beratung zur Pflegeversorgung könne auch als regelhafte Leistung von ambulanten Pflegediensten übernommen werden, so der G-BA.
Die vom AQUA-Institut identifizierten patientenrelevanten Endpunkte beim Entlassungsmanagement manifestieren sich vornehmlich in der Lebenswirklichkeit des Patienten in seinem Sozialraum (Wohnraum, Pflege, Hilfsmittel) und können daher auch nur von den nachsorgenden Leistungserbringern erfasst und bewertet werden. Voraussetzung zur Bewältigung dieser Aufgaben seien eine funktionierende Informationsübermittlung und gute Patientenzuweisung, so die AQUA Experten. Wenn die Konzeptskizze vom G-BA in den Regelbetrieb übernommen werden sollte, wird sehr deutlich, dass bisher keine einheitlichen Kommunikationsstrukturen, Arbeitsplattformen und Kennzahlensysteme für Entlassungsmanagement Projekte vorliegen. Da das AQUA-Institut die Befragung der nachsorgenden Leistungserbringer für die Abbildung von Qualitätszielen als am besten geeignet einschätzt, müssten vor allem bei den ambulanten Diensten der Pflege, Hilfsmittel- und HomeCare-Versorgung die notwendigen Prozesse rechtzeitig aufgebaut werden. Ein zeitaufwendiger Prozess, da für die Dokumentation alle Leistungserbringer eine zertifizierte QS-Dokumentations-Software benötigen.
Die Konzeptskizze Entlassungsmanagement stellt einen ersten Schritt zur Entwicklung eines Qualitätssicherungsverfahrens dar, mit der zunächst geklärt werden soll, ob ein solches Verfahren grundsätzlich realisierbar ist. Die Krankenkassen werden aber die 176 Seiten schon jetzt sehr aufmerksam lesen, da die Zahlen zu Wiederaufnahmen und Notfallbehandlungen jeden Medizincontroller zum Nachdenken bringen. Mit Blick auf selektiv Verträge, Modellprojekte und Innovationsfonds sollten sich Pflegedienste, Sanitätshäuser und HomeCare Unternehmen verstärkt mit Assessment-Verfahren im häuslichen Bereich und der Abbildung von Hilfsmittelversorgungen mit Positionsnummern befassen.

Der Expertenstandard Erhaltung und Förderung der Mobilität in der Pflege müsste dabei für den stationären sowie häuslichen Bereich eine Schlüsselfunktion übernehmen. Kognitive Softwarelösungen könnten Mobilitätsdefizite durch Assessment identifizieren, Mobilitätsbedürfnisse einschätzen, einen geeigneten Versorgungsplan zusammenstellen, die Versorgungsleistungen steuern sowie die Resultate und Ergebnisse an Krankenhäuser oder Rehabilitationseinrichtungen liefern.

Ausführliche Informationen mit Handlungshinweisen zur Konzetskizze.

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