Adipositas – Motivation steht im Behandlungsmittelpunkt

Veröffentlicht am 08.02.2018 14:49 von BFW_Leipzig

Dr. Tatjana Schütz, Dipl. Ernährungswissenschaftlerin, leitet die Core Unit Ernährung und klinische Phänotypisierung am IFB AdipositasErkrankungen – www.ifb-adipositas.de, © Privat

Dr. Tatjana Schütz, Dipl. Ernährungswissenschaftlerin, leitet die Core Unit Ernährung und klinische Phänotypisierung am IFB AdipositasErkrankungen – www.ifb-adipositas.de, © Privat

Der 16. Mai 2018 steht im Berufsförderungswerk Leipzig (BFW Leipzig) ganz unter dem Thema des Ernährungsverhaltens in unserer Gesellschaft. In Kooperation mit dem Leipziger IFB AdipositasErkrankungen veranstaltet das BFW Leipzig das rehawissenschaftliche Kolloquium „Durch Dick und Dünn – Essstörungen in der Arbeitswelt“. Fachleute werden u.a. mit ihren Vorträgen das gesellschaftliche Phänomen der „dicker werdenden Gesellschaft“ beleuchten und sich den Fragen der Gäste stellen.

Frau Dr. Tatjana Schütz, Ernährungswissenschaftlerin am Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum AdipositasErkrankungen, spricht in einem Vorabinterview über Adipositas als eine Erscheinungsform der Wohlstandsgesellschaft, die Ursachen und mögliche Ansätze, die „Volkskrankheit“ in den Griff zu bekommen.

Frage:      Kann man von einem Ansteigen der „Volkskrankheit“ Adipositas reden und wo liegen die Ursachen?

Antwort: Ja, aus weltweit erhobenen Daten geht hervor, dass die Menschen in vielen Regionen immer dicker werden. Betrachten wir Europa gibt es regional Unterschiede, die aber auch an den Lebensbedingungen festgemacht werden können. Insgesamt sind in Europa laut einer OECD-Studie* aus dem Jahr 2017 mehr als die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung übergewichtig. Und die Schwankungen speziell bei adipösen Erwachsenen liegen zwischen Italien mit 9,8 Prozent und

Ungarn mit 30 Prozent weit auseinander. Deutschland liegt mit 23,6 Prozent über der Durchschnittsmarke der OECD von 19,5 Prozent.

Zum Vergleich: 1990 bis 1992 lag der Bevölkerungsanteil mit Adipositas in Deutschland für die Frauen noch bei 23,9 Prozent und für die Männer bei 18,1 Prozent. Seither nahm die Adipositas besonders im jungen Erwachsenenalter am stärksten zu.

Dafür gibt es verschiedene Ursachen. Der zunehmende Wohlstand in den westeuropäischen Staaten führte zu einer veränderten Lebensweise: weniger körperlich schwere Arbeit, ständige Verfügbarkeit von Lebensmitteln für wenig Geld, größeres mediales Angebot. Wir sind im Schlaraffenland angekommen. Unser Lebensstil ist nicht mehr zu vergleichen mit den Zeiten unserer Großeltern.

Die Balance zwischen Bewegung, Ruhe und Nahrungsaufnahme ist nicht mehr gegeben. Wir führen unserem Körper mehr Kalorien zu als wir verbrauchen und hören nicht auf den Körper, wenn er genug hat. Wir können über unser Sättigungsgefühl hinaus essen. Daraus kann sich langsam, aber stetig Adipositas entwickeln. Und Adipositas tut erst einmal nicht weh.

Frage:      Welche Chancen bestehen, den Prozess insgesamt wieder umzukehren?

Antwort: An erster Stelle steht die Prävention. Die Programme der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) z.B. zielen direkt auf die gesunde Lebensweise mit Ernährung und Bewegung als Schwerpunkte in Kindertagesstätten, Schulen und am Arbeitsplatz ab. Es geht um das Erlernen des Bewusstseins, wie man mit seinem Körper umgeht. Was kommt auf meinen Teller? Esse ich aus Stress oder Langeweile? Wie kann ich auch zwischendurch gesund essen? Greife ich lieber zu einem kalorienarmen Getränk und gehe vielleicht als Ausgleich zur Büroarbeit zu Fuß zur Arbeit?

Wir können somit täglich kleine Entscheidungen über unsere Lebensgewohnheiten treffen und diese so ausrichten, dass unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden davon profitieren. Dies sind erste Schritte, um dem Trend einer zunehmend adipösen Gesellschaft entgegen zu wirken. Letztlich ist jeder für seinen Körper auch selbst verantwortlich. Es ist also wichtig, den Menschen für diese Entscheidungen zu motivieren, um aus sich selbst heraus zum Behandlungserfolg beizutragen.

Frage:      Es gibt deutschlandweit immer mehr Adipositaszentren. Ist dieses Mehr an Zentren auch ein Mehr an Hilfe?

Antwort: Das wird die Zeit zeigen. Es ist erst einmal zu begrüßen, dass in diesen Zentren der Behandlung der Adipositas und den daraus resultierenden Begleiterkrankungen eine zentrale Rolle zukommt. Hier gibt es die Fachkompetenz und die medizinische Ausstattung, um den Betroffenen zu helfen. Es wird eine Kombination von Ernährungsberatung, psychologischer Betreuung, Sporttherapie und gegebenenfalls Adipositaschirurgie angeboten, und gleichzeitig werden bereits gewonnene Erkenntnisse aus der Forschung u.a. unseres IFB AdipositasErkrankungen umgesetzt.

In erster Linie müssen jedoch die Hausärzte gestärkt werden. Sie sind die ersten, die mit dem Patienten, der an Adipositas erkrankt ist, in Berührung kommen. Hausärzte müssen den schleichenden Prozess von einem BMI im Übergewichtsbereich hin zu einer Adipositas mit einem BMI von über 30 kg/m² erkennen. So sollte das Wiegen des Patienten zu einem festen Bestandteil der Untersuchung werden, egal ob man wegen eines Routine Check-Ups oder wegen akuter Rückenschmerzen zum Arzt kommt. Wir müssen die Hausärzte befähigen, ein aufklärendes Gespräch zum Thema Adipositas mit dem Patienten zu führen und ihm geeignete Therapieangebote zu unterbreiten. Die Krankenkassen können z.B. bei der Information über die Infrastruktur und einer besseren Vernetzung der Angebote helfen: Gibt es Unterstützung durch Präventionsangebote wie Ernährungsberatung, Bewegungsangebote oder Stressmanagement bei zu hohem ? Wo finde ich diese Angebote in meiner Nähe, wo gibt es spezialisierte Zentren? Bekomme ich zeitnah einen Therapietermin? Darauf brauchen die Hausärzte Antworten, um ihren Patienten die entsprechende Hilfe anbieten zu können.

Von Seiten des IFB AdipositasErkrankungen Leipzig bieten wir Materialien an, wo sich Hausärzte informieren können. Gern organisieren wir auch Fortbildungsveranstaltungen oder treten auf Foren wie dem rehawissenschaftlichen Kolloquium im BFW Leipzig auf, um die Informationen eins zu eins weiterzugeben und ins Gespräch zu kommen. Krankenkassen wie die AOK Plus für Sachsen und Thüringen ziehen mit uns an einem Strang mit dem gemeinsamen Programm „Leipziger Adipositasmanagement“, um ihren Versicherten zu helfen. Die DAK Gesundheit geht offensiv mit einer Aufklärungskampagne in Form der Fotoausstellung SCHWERE[S]LOS und eigenen Studien in die Öffentlichkeit. So können wir Schritt für Schritt den Prozess der Adipositasentstehung verlangsamen. Und vielleicht auch wieder umkehren, wenn viele Partner aus Politik, Gesundheitswesen, Bildung und Wirtschaft mitmachen.

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Das Interview führte: Michael Lindner/BFW Leipzig

* OECD Obesity Update 2017 (Quelle: http://www.oecd.org/health/obesity-update.htm; http://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Zahl_des_Monats/Archiv2016/2016_5_Zahl_des_Monats.html

**Anja Schienkiewitz, Gert B. M. Mensink, Ronny Kuhnert, Cornelia Lange. Übergewicht und Adipositas bei Erwachsenen in Deutschland. Journal of Health Monitoring · 2017 2(2)
DOI 10.17886/RKI-GBE-2017-025; http://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsJ/FactSheets/JoHM_2017_02_Uebergewicht_Adipositas_Erwachsene.pdf;jsessionid=59CDFB9763F5DAAAE95B88DDBB94D451.1_cid381?__blob=publicationFile

Weitere Informationen zum Rehea-Kolloquium:

http://www.bfw-leizpig.de/reha-kolloquium

Schlagworte:

BFW Leipzig, Reha-Kolloquium, Essstörungen, IFB AdipositasErkrankungen, Adipositas, OECD, Übergewicht

BFW Leipzig

Seit 25 Jahren ist das Berufsförderungswerk Leipzig als Spezialist auf dem Gebiet der beruflichen Rehabilitation tätig. Hier werden Menschen ausgebildet und bedarfsorientiert unterstützt, die durch Krankheit oder Unfall aus dem gewohnten Arbeitsleben scheiden mussten. Mit individuellen Erprobungs-, Qualifizierungs- und Integrationsmaßnahmen werden neue Möglichkeiten für den Weg zurück in ein erfülltes Arbeitsleben angeboten. Die Angebote als überregionaler Dienstleister auf den Gebieten Beratung, Diagnostik und Assessment, Qualifizierung, Prävention und Rehabilitation stehen neben der Hauptstelle in Leipzig in den Außenstellen in Brand-Erbisdorf, Chemnitz, Döbeln, Plauen und Zwickau zur Verfügung. Die vielfältigen Leistungen sind ein wichtiger Beitrag nicht nur um Menschen wieder in den Arbeitsprozess zurückzuführen, sondern diese tragen auch durch die Orientierung am Arbeitsmarkt zur Lösung des Fachkräftemangels in der Wirtschaft bei. Darüber hinaus werden an der Bildungseinrichtung verschiedene Kurse der beruflichen Weiterbildung angeboten.

Weitere Informationen und Bildmaterial:

Berufsförderungswerk Leipzig gemeinnützige GmbH
Michael Lindner
Leiter PR | Unternehmenskommunikation
Georg-Schumann-Straße 148
04159 Leipzig
Tel.: 0341 | 9175120
Fax: 0341 | 917563120
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