Montag, November 14th, 2016

 

Ungewissheit, die krank macht: DGPM warnt vor gesundheitlichen Folgen von Arbeitsunsicherheit

P R E S S E M I T T E I L U N G

 

Berlin – Wer seinen Arbeitsplatz als unsicher empfindet oder von unfreiwilliger Umgestaltung bedroht sieht, kann darunter leiden wie unter einer körperlichen Krankheit. Darauf weist die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) hin. Eine Studie des Helmholtz Zentrums zeigte nun: Der Stressfaktor Arbeitsunsicherheit kann für die Betroffenen offenbar auch langfristige Folgen haben: Arbeitnehmer, die in mittleren Lebensjahren mit Arbeitsunsicherheit konfrontiert waren, schätzten ihr eigenes Wohlbefinden auch noch rund 20 Jahre später als deutlich geringer ein.

 

Auslöser für arbeitsbedingten Stress haben in den letzten Jahrzehnten zugenommen: Befristete Arbeitsverhältnisse, Entlassungswellen in Unternehmen oder Kurzarbeit lassen den eigenen Arbeitsplatz als permanent bedroht erscheinen. Aber auch unfreiwillige Änderungen bei Arbeitsbedingungen und -inhalten, wie etwa die Versetzung in ein neues Team oder einen neuen Arbeitsbereich, können zu Arbeitsunsicherheit führen.

 

Im Rahmen der MONICA/KORA-Studie wurden 1 800 Arbeitnehmer aus Süddeutschland befragt. Zum Zeitpunkt der Erstbefragung waren alle Teilnehmer noch berufstätig; fast 40 Prozent von ihnen gaben jedoch an, sich oft oder manchmal Sorgen zu machen, die derzeitige Arbeitsstelle behalten zu können. Als dieselben Teilnehmer durchschnittlich 20 Jahre später erneut befragt wurden, waren alle bereits im Ruhestand. Die Gruppe derjenigen, die zuvor über Arbeitsunsicherheit geklagt hatte, wies nun ein deutlich vermindertes Wohlbefinden, gemessen anhand der WHO-5 Skala, auf. Vermindertes Wohlbefinden wiederum gilt als Risikofaktor für die seelische und körperliche Gesundheit.

 

„Das Risiko für ein vermindertes Wohlbefinden war in dieser Gruppe um 43 Prozent erhöht“, erläutert Amira Barrech, Expertin für Arbeit und Gesundheit vom Universitätsklinikum Ulm und Erstautorin der Studie. Dieser Zusammenhang blieb auch dann bestehen, wenn eine Reihe möglicher Störfaktoren wie etwa die Art der Arbeit sowie das Verhältnis zu Kollegen und Vorgesetzten berücksichtigt wurden.

Die Verbindung zwischen Arbeitsunsicherheit und langfristig vermindertem Wohlbefinden sehen die Wissenschaftler im Stress, der durch die unsichere Arbeitssituation ausgelöst wird. Vor allem länger andauernde Unsicherheitsmomente führen demnach zu einer Ansammlung kurzfristiger Stressreaktionen wie etwa Bluthochdruck oder körperlicher und psychischer Anspannung. Daraus können sich auch länger anhaltende gesundheitliche Probleme ergeben, die wiederum das Wohlbefinden beeinträchtigen.

 

„Veränderungen sind heute ein unvermeidbarer Bestandteil des Arbeitslebens und sie haben durchaus auch positive Aspekte“, sagt Barrech. Trotzdem könne sich das Ausmaß an Unsicherheit, das von diesen Veränderungen ausgeht, negativ auf die Gesundheit auswirken und sollte reduziert werden. Eine Schlüsselrolle falle dabei den direkten Vorgesetzten zu. Diese hätten nicht nur Einfluss auf das Arbeitsumfeld, sondern seien auch eine wichtige Informationsquelle. Als solche könnten sie dazu beitragen, dass Veränderungsprozesse für den Arbeitnehmer überschaubarer und berechenbarer werden. „Umfassende und zeitnahe Kommunikation ist ein essentieller Baustein zur Vermeidung von Arbeitsunsicherheit“, sagt Barrech. Auch der betroffene Arbeitnehmer könne aktiv werden: Alternative Beschäftigungsmöglichkeiten zu suchen oder Zusatzqualifikationen zu erwerben, stärke das eigene Kontrollerleben und verringere die wahrgenommene Abhängigkeit von der aktuellen Arbeitsstelle; Meditation oder Sport könnten zur Stressreduktion beitragen.

 

Professor Dr. med. Harald Gündel, Mediensprecher der DGPM, betont: „Es ist nicht nur im Sinne der Arbeitnehmer selbst, sondern – gerade im Hinblick auf den häufig beklagten Fachkräftemangel – auch im Sinne der Arbeitgeber und der Gesellschaft, der Arbeitsunsicherheit und ihren gesundheitlichen Folgen entgegenzuwirken.“ Neben der dafür nötigen politischen Weichenstellung sollten die Arbeitgeber selbst für ihre Mitarbeiter psychosomatische Betreuungs- und Stressbewältigungsangebote schaffen.

 

Quellen:

 

(1) A. Barrech, J. Baumert, K.-H. Ladwig, H. Gündel: Mid-life job insecurity associated with subjective well-being in old age: results from the population-based MONICA/KORA study

Scand J Work Environ Health. 2016;42(2):170-174.

online first. doi:10.5271/sjweh.3546

 

(2) Bonsignore M, Barkow K, Jessen F, Heun R. Validity of the

five-item WHO Well-Being Index (WHO-5) in an elderly

population. Eur Arch Psychiatry Clin Neurosci. 2001

Jan;251(Suppl 2):II/27 – II/31.

 

(3) A. Barrech, J. Baumert, K.-H. Ladwig, H. Gündel: Die gesundheitlichen Folgen von Arbeitsunsicherheit

klinikarzt 2016; 45 (1):34-37. Ungewissheit, die krank macht: Gesundheitliche Folgen von Arbeitsunsicherheit

 

(4) Boehm JK, Kubzansky L. The heart’s content: The association

between positive psychological well-being and cardiovascular

health. Psychol Bull. 2012;138(4):655–91. http://dx.doi.

org/10.1037/a0027448.

 

(5) Steptoe A, Deaton A, Stone AA. Subjective wellbeing, health,

and ageing. Lancet . 2014;385(9968):640–8. http://dx.doi.

org/10.1016/S0140-6736(13)61489-0.

 

 

 

Pressekontakt für Rückfragen:

Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM)

Pressestelle

Janina Wetzstein
Postfach 30 11 20, 70451 Stuttgart
Tel.: 0711 8931-457; Fax: 0711 8931-167
wetzstein@medizinkommunikation.org
www.dgpm.de


NRW-Hochschulen: 8,8 Prozent mehr Studierende in Gesundheitsbereichen zum Wintersemester 2015/16

Düsseldorf (IT.NRW). Im Wintersemester 2015/16 waren in NRW 34 742 Studierende in Studienbereichen des Gesundheitswesens eingeschrieben. Wie Information und Technik Nordrhein-Westfalen als amtliche Statistikstelle des Landes anlässlich der internationalen Medizin-Fachmesse „MEDICA“ in Düsseldorf (14. bis 17. November 2016) mitteilt, waren das 4,7 Prozent aller 745 009 Studierenden im Land. Die Studierendenzahlen stiegen in den Gesundheitsbereichen in den letzten acht Jahren stärker als die Gesamtzahl der Studierenden. Der Anstieg in den Gesundheitsbereichen war mit 8,8 Prozent mehr als doppelt so hoch wie der der Gesamtstudentenzahl (+3,8 Prozent).

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Im Wintersemester 2015/16 arbeiteten von den 34 742 Studierenden der Fächergruppe Humanmedizin/Gesundheitswissenschaften 18 923 (54,5 Prozent) an Lehrinhalten des Studienbereichs Humanmedizin, 12 681 (36,5 Prozent) belegten ein Fach im Studienbereich Gesundheitswissenschaften und 3 138 (9,0 Prozent) in der Zahnmedizin. Mit einem Anteil von 67,3 Prozent sind Frauen bei den medizinischen bzw. gesundheitswissenschaftlichen Studienfächern überrepräsentiert.

 

Die Zahl der Studierenden wird zu Beginn des jeweiligen Wintersemesters gezählt. Alle Angaben beziehen sich auf Einschreibungen als Haupthörer und auf das erste Studienfach (IT.NRW)

 

(295 / 16) Düsseldorf, den 14. November 2016

 

Ergebnisse für einzelne Hochschulen finden Sie im Internet unter:

http://www.it.nrw.de/presse/pressemitteilungen/2016/pdf/295_16.pdf

 

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