Donnerstag, Juli 7th, 2016

 

8. Business Dinner Reha 2016 von Softsolution

Die Kernaussagen der beiden Vorträge beim 8.Business-Dinner Reha von
Softsolution am 9. Juni 2016 in Berlin:

  • I) Die Pflegeversicherung soll künftig Reha-Träger werden, um so dem Grundsatz „Reha vor Pflege“ zum Durchbruch zu verhelfen.
  • II) Politiker fordern Reha vor Pflege, Forscher veröffentlichen neue Studien und Klinik-Chefs sehen den Nutzen, doch für einzeln Befragte ist Reha entweder wenig attraktiv oder sie wissen nichts darüber: Will man die Bevölkerung über Reha aufklären, muss man die passende Kommunikation wählen. Und sich fragen: Was wollen wir damit erreichen und wer soll das bezahlen? Nur so kann Reha zu einem Baustein einer Gesund-Werd-Strategie werden.

 

Der Veranstaltungsort in den nordischen Botschaften war gut gewählt: Er brachte offenbar «frischen Wind» in das Publikum, und man diskutierte lebhaft und lange.

Der Veranstaltungsort in den nordischen Botschaften war gut gewählt: Er brachte offenbar «frischen Wind» in das Publikum, und man diskutierte lebhaft und lange.

 Teil I: Pflegekasse als Reha-Träger?

Text: Staatssekretär a. D. Neithart Neitzel

 

Die Pflegeversicherung soll künftig Reha-Träger werden, um so dem Grundsatz „Reha vor Pflege“ zum Durchbruch zu verhelfen.

 

Zur Einleitung hatte der Moderator der Veranstaltung, Universitäts-Professor  Dr. Günter Neubauer, darauf hingewiesen, dass in dem runden Dutzend von Gesetzen, die Gesundheitsminister Gröhe in dieser Legislaturperiode bisher auf den Weg gebracht hat, Rehabilitation kaum vorkomme.

 

«Reha vor Pflege» forderte der CDU-Bundestagsabgeordnete Erwin Rüddel. Zahlen soll künftig die Pflegeversicherung.

«Reha vor Pflege» forderte der CDU-Bundestagsabgeordnete Erwin Rüddel. Zahlen soll künftig die Pflegeversicherung.

Der erste Referent des Abends, der CDU-Bundestagsabgeordnete Erwin Rüddel, machte im Zusammenhang mit den Pflegegesetzen deutlich, dass dort Reha schon eine Rolle spiele. Er sprach zum Thema: „Reha vor Pflege. Wann kommt die Lösung?“ Rüddel wies zunächst darauf hin, dass durch die drei Pflegestärkungsgesetze insgesamt sechs Milliarden Euro zusätzlich in die Pflegeversicherung gelenkt würden; besonders wichtig sei die Gleichstellung von Demenzkranken mit anderen Pflegebedürftigen. Durch die Finanzierung des Pflegeprogramms für Krankenhäuser fließe im Rahmen des Krankenhausstruktur-Gesetzes eine weitere Milliarde Euro in den Gesundheits- und Pflegebereich. Das gerade auf den Weg gebrachte Pflegestärkungsgesetz III solle über die Kommunen die Beratung im Pflegebereich
stärken.

Ob es im Rahmen der Gesetzgebung in dieser Wahlperiode noch zu einer einheitlichen Ausbildung in der Pflege komme, sei wegen Widerständen von verschiedener Seite nicht abzusehen. Wichtig ist es in jedem Fall, die Arbeitsbedingungen für die Pflegekräfte zu verbessern.

 

Soft 3Rüddel wies dann darauf hin, dass durch das Präventionsgesetz die Entwicklung von „Prävention Reha vor Pflege“ gestärkt werden solle. Ziel sei es, Pflege so weit als möglich zu verhindern oder hinauszuschieben, wozu die Anstrengungen der Krankenkassen in der Reha stark anwachsen müssten. Nach dem Pflegestärkungsgesetz II solle der MDK bei der Pflegebegutachtung auf vorgelagerte Möglichkeiten der medizinischen Rehabilitation hinweisen. Dabei sei allerdings das Problem, dass die Vorteile von „Reha vor Pflege“ nicht den Krankenkassen als Kostenträger zugutekämen, sondern der Pflegeversicherung, die zwar von den Krankenkassen verwaltet werde, aber ein eigener Versicherungszweig  mit eigenem Finanzkreislauf sei. Dieses Problem – so der pflegepolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion – führe dazu, dass zu wenig medizinische Reha stattfinde, ehe ein Mensch in einen der neuen Pflegegrade eingestuft werde. Deshalb habe der Bundesfachausschuss der CDU für Gesundheit und Pflege beschlossen, dass künftig auch die Pflegeversicherung  Reha-Träger werden solle, weil sie ein Interesse habe, möglichst spät leisten zu müssen und daher „Reha vor Pflege“ fördern werde. Da sich die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2050 verdoppeln werde, müsse Reha für ältere Mitbürger gestärkt werden. Diese Forderung werde die CDU in Koalitionsverhandlungen nach der Bundestagswahl 2017 einbringen.  Dies könne durch die Übertragung von Reha-Leistungen in die Pflegeversicherung gelingen. Darüber hinaus wolle die CDU das Verfahren für die Bewilligung einer medizinischen Reha vereinfachen: auch der Hausarzt solle Reha verordnen können.

Dieser  Ansatz von Rüddel wurde von den über 100 Teilnehmern des Business Dinners kontrovers diskutiert. Es wurde etwa befürchtet, dass eine neue Schnittstelle entstehen könne.

 

«Es wurde nie untersucht, wie Reha wahrgenommen wird», berichtete die Journalistin Felicitas Witte. Will man die Bevölkerung aufklären, muss man Geld für die Kommunikation investieren.

«Es wurde nie untersucht, wie Reha wahrgenommen wird», berichtete die Journalistin Felicitas Witte. Will man die Bevölkerung aufklären, muss man Geld für die Kommunikation investieren.

Teil II: Wahrnehmung von Reha in der Öffentlichkeit – Lästiges Übel, sinnvoller Therapiebaustein oder feine Badekur?

Text: Dr. Felicitas Witte, Ärztin und Journalistin

 

Was Patienten, Angehörige, Politiker, Journalisten oder Ärzte über Reha denken, wurde nie systematisch untersucht. Einzelbefragungen zeigen: Menschen scheinen Reha ganz unterschiedlich wahrzunehmen, wie die Medizinjournalistin und Ärztin Felicitas Witte berichtete. Will man die Bevölkerung über Reha aufklären, muss man die passende Kommunikation wählen. Und sich fragen: Was wollen wir damit erreichen?

 

Was denkt die Bevölkerung über Reha? Das könnte nur eine repräsentative Studie beantworten, aber die fand sich trotz intensiver Recherche nicht, berichtete Witte. Menschen scheinen Reha unterschiedlich wahrzunehmen, wie Einzelbefragungen ergaben. Ohne Studie kann man die Aussagen aber nicht auf die Bevölkerung übertragen.

«Medien berichten über Reha oft nur im Zusammenhang mit höheren Kosten oder gekürzten Leistungen – mich interessiert das nicht», sagt Dorothea E., berufstätige Mutter von vier Kindern, die keine Reha-Erfahrung hat. Mit Reha verbindet sie entweder eine Bade-Kur älterer Herrschaften oder eine Behandlung, die nur etwas für sehr kranke Menschen sei. «Reha ist für mich so sexy wie Pflegeheim oder betreutes Wohnen», sagt sie. «Muffige, heruntergekommene Einrichtungen weit ab von der Zivilisation.» Sie würde Reha vermutlich erst interessieren, wenn es sie selbst oder ihre Familie beträfe. «Soll ich als gesunder Mensch über das Thema lesen, müsste man sich schon etwas einfallen lassen. Außerdem muss man sich immer fragen: Was will man mit der Kommunikation erreichen? Sollen mehr Leute Reha machen oder will man Kosten senken?»

 

Für seine Leser sei Reha wenig attraktiv, sagt Andreas Hirstein, Leiter des  Wissen-Ressorts bei der Neuen Zürcher Zeitung am Sonntag. Am ehesten würden ihn Geschichten interessieren wie das Schicksal von Michael Schumacher oder über den verunglückten Wetten-Dass-Kandidaten – über beide Themen waren Artikel  in seinem Ressort erschienen. «Reha ist für die Medien eher wegen der Kosten im Gesundheitssystem relevant.»

Reha fände zu wenig Beachtung, werde aber immer wichtiger, sagt Thorsten Meyer, Professor für Reha-Forschung an der Medizinischen Hochschule Hannover. «Es gibt durchaus regelmäßig neue Studien. Aber die Infos kommen offenbar bei der Öffentlichkeit nicht an.» Die Rehalandschaft habe ihre eigene Bedeutung noch nicht richtig wahrgenommen. «Ihr Ruf als Fango & Tango ist kaum aus der Welt zu kriegen.» Patienten würden bei Reha oft an eine Kur denken, «darauf muss man eingehen und aufklären.» Reha sollte als ein Baustein einer «Gesund-Werd-Strategie angesehen werden. «Hier sind noch dicke Bretter zu bohren, und die Kommunikation spielt dabei eine große Rolle.»

Soft 5Den Nutzen von Reha würden viele Patienten erst in der Klinik merken, erzählt Sönke Johannes, medizinischer Direktor der Rehaklinik in Bellikon. «Die Verbesserung erfolgt häufig in kleinen Schritten. Das ist natürlich wenig spektakulär.» Aus seiner Sicht sei es nachvollziehbar, dass die Medien bei ihrer Berichterstattung andere Schwerpunkte setzen. Auch über Reha würden viele Studien veröffentlicht, «aber das wird von der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen.»

Bei der Kommunikation könnten Hausärzte eine große Rolle spielen. «Sie wissen aber zu wenig und informieren ihre Patienten nicht ausreichend», sagt Ernst von Kardorff, Professor am Institut für Rehabilitationswissenschaften der Humboldt-Uni Berlin. Abgesehen davon müsse die Autonomie der Patienten gestärkt werden. «Der Patient muss sich selbst informieren – und zwar nicht nur bei Angehörigen oder Bekannten, die schon einmal Reha gemacht haben.»

Andrea P., eine 45-jährige Frau mit Brustkrebs wusste bisher nicht, was Reha bedeutet. «Es hat mich auch nicht interessiert – mich betraf das ja nicht.» Ihre Mitpatienten machen fast alle eine Reha. «Ich fühle mich dadurch gedrängt und habe mich dagegen entschieden.» Sie wüsste nicht, was Reha ihr noch bringen solle. «Ich habe während der Chemo selbstständig alles dafür getan, dass es mir gut geht», erzählt sie. «Ich brauche nicht aufgepäppelt zu werden.» Außerdem könne sie Reha nicht mit ihrem neuen Job vereinbaren. Keiner habe ihr erklärt, wie Reha genau abläuft. «Ich würde gerne eine Checkliste haben, was Standardprogramm ist, also was jedem angeboten würde, und was man optional machen kann.»

Die meisten seiner Patienten würden immer noch glauben, in der Reha würde ihnen alles verboten werden, also kein Rauchen, kein leckeres Essen, abnehmen und Sport treiben, sagt Christian Müller, Professor für Kardiologie am Unispital in Basel. «Reha hat sich aber ziemlich geändert. Heute versuchen wir gemeinsam mit dem Patienten zu überlegen, welche Ziele realistisch sind. Das müssen wir den Betroffenen erklären, dann können sie Reha auch etwas Positives abgewinnen.»

Soft 6Thomas Bublitz, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Privatkliniken in Berlin, findet, Reha sei in der Öffentlichkeit durchaus präsent. «Für die normale Bevölkerung ist es völlig selbstverständlich, dass man nach einer schweren Krankheit in die Reha geht.» Weniger informiert seien Reha-Kandidaten, die zuvor nicht im Krankenhaus behandelt wurden, etwa ältere, pflegebedürftige Menschen oder solche mit psychischen Krankheiten. Dass die Medien zu wenig über gelungene Reha und neue Methoden schreiben, sei vielleicht eine Schwäche der Reha-Forschung, die ihre Ergebnisse nicht so publik mache, aber auch die Reha-Träger berichten wenig über Rehabilitation und Wege dorthin.

Lebhaft und lange diskutierte das Publikum nach dem Vortrag – das Thema fand offenbar Interesse. «Ein guter Anlass, um kritisch über den Auftritt Rehabilitation nachzudenken», resümiert Bublitz.

 

Mögliche Interessenkonflikte:

Die Autorin erhielt für Recherche, Vortrag und Artikel finanzielle Unterstützung von Softsolution.

Kontaktdaten der Autorin www.felicitas-witte.de

Die ausführliche Fassung dieses Berichtes erhalten Sie bei Frau Priska Stamm; E-Mail:pstamm@softsolution.de

 

Kontakt und Nachfragen:

Softsolution International Ltd.
Priska Stamm
Ratsumiehenkatu 1
15830 Lahti / FIN
Tel: +358 (0)378 00331
E-Mail: pstamm@softsolution.de
Geschäftsführer: Roland Tolksdorf


Deutschland:

Softsolution International Ltd.
Ute Schalles
Adolf Tegtmeier Allee 11
99438 Bad Berka
Tel: +49 (0)7738 696 96 05
E-Mail: uschalles@softsolution.de
www.softsolution.de

 

 

 

 


Mobile Rehabilitation ist zukünftig auch indikationsspezifisch möglich

Nachdem im GKV-Versorgungsstärkungsgesetz 2015 die mobile wohnortnahe Rehabilitation erneut ausdrücklich verankert worden ist, wurden vom GKV-Spitzenverband und den Krankenkassenverbänden auf Bundesebene zum 05.04.2016 Eckpunkte für die mobile indikationsspezifische Rehabilitation mit Umsetzungshinweisen zur Ausweitung des noch wenig verbreiteten Angebots Mobile Rehabilitation veröffentlicht.

Zukünftig können Patienten aus den Bereichen Orthopädie/muskuloskelettale Erkrankungen, Onkologie, Neurologie, Kardiologie und Pneumologie zu Hause, wie auch im Pflegeheim und in der Kurzzeitpflege komplex-rehabilitativ behandelt werden. Die Indikationskriterien für diesen Patientenkreis und die damit verbundenen konzeptionellen Anforderungen sind in dem Eckpunktepapier definiert. Auf dieser Grundlage können mobile, ambulante und stationäre Reha-Einrichtungen mit den Krankenkassenverbänden in einer Anschubphase bis Ende 2021 eine Ergänzungsvereinbarung abschließen. Neugründungen eigenständiger mobiler geriatrischer Rehabilitationsdienste sind ebenso weiterhin möglich.

Die Bundarbeitsgemeinschaft Mobile Rehabilitation (BAG MoRe) begrüßt diese Entwicklung: „Diese Umsetzungshinweise helfen, eine Versorgungslücke zu schließen. Denn in der praktischen Arbeit der mobilen geriatrischen Rehabilitationsdienste treffen wir immer wieder auf jüngere nicht geriatrische Patienten, die nur in ihrer eigenen häuslichen Umgebung und unter Einbeziehung ihres sozialen Umfelds erfolgreich rehabilitiert werden können. Durch diese neue Entwicklung erhöhen sich die Rehabilitationschancen dieser Zielgruppe deutlich. Wir wünschen uns, dass jetzt viele Einrichtungsträger ihre Chance nutzen und Mobile Rehabilitation anbieten, indem sie einen ergänzenden oder einen eigenständigen mobilen Dienst aufbauen“, so der Vorsitzende der BAG MoRe Dr. med. Matthias Schmidt-Ohlemann.

Die Eckpunkte für die mobile indikationsspezifische Rehabilitation wurden unter Beteiligung des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen und der Bundesarbeitsgemeinschaft Mobile Rehabilitation gemeinsam entwickelt.

Das Eckpunktepapier ist hier als Download erhältlich.

Kontakt:
Bundesarbeitsgemeinschaft Mobile Rehabilitation e. V. (BAG MoRe)
Mobiler Rehabilitationsdienst
c/o Regina Andres
Waldemarstr. 28b
55543 Bad Kreuznach
Tel. 0671/ 605 38 72
E-Mail: andresre@kreuznacherdiakonie.de
www.bag-more.de