„Reha vor Rente“ – Ehrenamtlichen-Schulung der Deutschen Tinnitus-Liga e. V.

Veröffentlicht am 26.06.2014 14:09 von Sabine Wagner

Vom 13. bis 15. Juni fand in Königswinter die alljährliche Schulung der in der Deutschen Tinnitus-Liga e. V. (DTL) ehrenamtlich Tätigen statt, zu der rund 100 Teilnehmer aus dem gesamten Bundesgebiet angereist waren. Bei der diesjährigen Veranstaltung stand das Thema „Möglichkeiten der Rehabilitation zur Vermeidung einer Erwerbsminderung sowie Möglichkeiten zur Wiedereingliederung in das Arbeitsleben“ im Mittelpunkt. Das dreitägige Seminar befähigte die Selbsthilfegruppenleiter und DTL-Berater, Betroffene vor Ort kompetent darüber zu informieren, wie die eigene Erwerbstätigkeit durch geeignete Maßnahmen wiederhergestellt beziehungsweise eine Erwerbsminderung verhindert werden kann.

In seiner Begrüßungsrede am Freitag, den 13. Juni sprach DTL-Präsident Volker Albert über aktuelle Entwicklungen in der Deutschen Tinnitus-Liga e. V., insbesondere hinsichtlich einer intensiveren Zusammenarbeit mit den Hörgeräteakustikern. So sei beispielsweise erreicht worden, dass das Thema Tinnitus stärker in die Meisterausbildung der Hörgeräteakustiker eingebunden werde. Weiterhin verwies Albert darauf, dass die DTL eine Petition beim Bundestagspetitionsausschuss eingereicht habe, die sich gegen den neuen Förderleitfaden für die Selbsthilfe richte, der nicht den gesetzlichen Maßgaben entspreche. Hiermit verbunden war auch Volker Alberts Appell, für die eigenen Rechte einzutreten: „Lasst euch nicht so schnell abschmettern!“

Anschließend folgte ein Vortrag von Katia Maibaum vom Integrationsfachdienst Bonn/Rhein Sieg zum Thema: „Welche Hilfen und Möglichkeiten bieten die Integrationsfachdienste zur Integration am Arbeitsplatz für von Behinderung bedrohte Personen oder Personen mit Erwerbsminderung?“ Maibaum erläuterte das Aufgabenspektrum des Integrationsfachdienstes, das sich von der Vermittlung geeigneter Arbeitsplätze für Schwerbehinderte über die Sicherung vorhandener Arbeitsplätze und die Begleitung schwerbehinderter Menschen am Arbeitsplatz bis hin zu betrieblichen Beratungen erstrecke. Beispielsweise werden Arbeitgeber und Kollegen über die Besonderheiten in der Kommunikation mit Hörbeeinträchtigten und technische Hilfsmittel aufgeklärt oder Arbeitsplätze werden optimiert. „Dabei ist es wichtig, den hörbehinderten Menschen bei der Gestaltung des Arbeitsplatzes miteinzubeziehen“, so Maibaum.

Weitere Vorträge standen am Samstagvormittag auf dem Programm. So referierte Rechtsanwalt Michael Bergmann, Geschäftsführer der Deutschen Tinnitus-Liga e. V., über „Arbeitsrecht und Kündigungsschutz bei (chronischer) Krankheit und Erwerbsminderung – Welche Rechte und Pflichten sichern den Arbeitsplatz bei akuter und chronischer Erkrankung?“. Bergmann schilderte unter anderem, dass der Rechtsprechung zufolge drei Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit eine krankheitsbedingte Kündigung wirksam sei: Es müsse eine negative Gesundheitsprognose vorliegen, eine erhebliche Beeinträchtigung der betrieblichen oder wirtschaftlichen Interessen des Arbeitgebers und es müsse eine Abwägung der Interessen des Arbeitgebers und Arbeitnehmers vorgenommen werden. „Eine krankheitsbedingte Kündigung ist angesichts der hohen Hürden oft nicht wirksam“, sagte Michael Bergmann. Generell rate er bei allen Kündigungen dazu, innerhalb von drei Wochen nach Erhalt einer Kündigung eine Kündigungsschutzklage zu erheben – 90 Prozent der Klageverfahren endeten im Vergleich. Bergmann weiterhin: „Es ist dringend anzuraten, dass Arbeitnehmer bei Vorliegen von erheblichen körperlichen oder seelischen Beeinträchtigungen einen Schwerbehindertenausweis beantragen.“

Dr. Roland Zeh, Chefarzt an der Median Kaiserberg-Klinik Bad Nauheim, Präsident der Deutschen Cochlear Implant Gesellschaft e. V. und selbst CI-Träger, hielt einen Vortrag zum Thema „Möglichkeiten der Wiederherstellung der Erwerbsfähigkeit durch Einsatz von Cochlea-Implantaten“. Dr. Zeh zufolge gehe es bei einer stationären Rehabilitation nach CI-Implantation darum, durch eine möglichst ganzheitliche Behandlung die Funktionsfähigkeit des Gehörs wiederherzustellen. In der Reha werde trainiert, wie mit einem CI Sprache verstanden werden kann. Bei Personen, die noch im Erwerbsleben ständen, werde zudem beurteilt, ob sie mit ihrer Einschränkung noch ihrer beruflichen Tätigkeit nachgehen könnten. Sein Fazit: Die meisten CI-Patienten der Kaiserberg-Klinik stehen in einem Arbeitsverhältnis und das CI trägt dazu bei, diese Menschen im Erwerbsleben zu halten. Allerdings fänden Statistiken seiner Klinik zufolge die Menschen, die schon berentet seien, nicht wieder in die Erwerbstätigkeit zurück.

Die Erhaltung der Arbeitsfähigkeit trotz chronischer Tinnitus-Belastung stand auch bei den Workshops am Samstagnachmittag im Vordergrund. Der Musiktherapeut Manfred Brauns aus Kassel zeigte die TIM – tinnituszentrierte Musiktherapie als Möglichkeit auf, eine Umprogrammierung der zentralen Hörbahn einzuleiten und durch das neue Hörverhalten eigene Bewältigungsstrategien bei Tinnitus in Alltag und Beruf zu entwickeln. Die Therapeutin Heike Baumbach aus Düsseldorf vermittelte die Integration von Entspannungstechniken wie die Progressive Muskelentspannung in den beruflichen Alltag. Dem Thema „Verbesserung der Integration am Arbeitsplatz durch angemessene Hörgeräteversorgung und Hörtraining sowie adäquate Kommunikation“ widmete sich DTL-Vorstandsmitglied Steffi Daubitz aus Kulmbach. Dr. Matthias Rudolph, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Psychosomatik an der Mittelrhein-Klinik Bad Salzig, informierte in seinem Workshop „Reha vor Rente“ über rehabilitative Maßnahmen bei Hörbehinderung und Tinnitus und erläuterte, worauf es bei der Reha-Antragsstellung ankommt. Dr. Rudolph zufolge rechnet sich Rehabilitation: „Ein Euro für die Reha spart 3,79 Euro Folgekosten. 68 Prozent aller Versicherten sind zwei Jahre nach der Reha noch vollständig im Erwerbsleben.“

Am Sonntagvormittag stand Gruppenarbeit auf dem Programm: In sechs Arbeitsgruppen ging es um praktische Tipps zur Abwendung von Erwerbsminderung sowie zum Erhalt der Leistungs- und Erwerbsfähigkeit unter Einbringung persönlicher Erfahrungen und Erfahrungen aus der Beratungspraxis. Einen gelungenen humorvollen Abschluss des Wochenendes bildete der Vortrag „Humor hilft heilen“ des Diplom-Sozialpädagogen Hans-Martin Bauer aus Stuttgart, der den Humor in der Rehabilitation als Element der Gesunderhaltung und Bewältigung des beruflichen Alltags beschrieb – was nicht ohne ausgiebige Lachübungen des ganzen Saals ablief.

Die diesjährige Veranstaltung in Königswinter fand statt mit der finanziellen Unterstützung der Deutschen Rentenversicherung Bund und der Techniker Krankenkasse.

Bildunterschrift:
Referenten der Schulung in Königswinter (v. l. n. r.): Manfred Brauns, Heike Baumbach, Dr. Matthias Rudolph, Steffi Daubitz und Michael Bergmann. Foto: Sabine Wagner.

Über die Deutsche Tinnitus-Liga e. V. (DTL)

Die Deutsche Tinnitus-Liga e. V. (DTL) vertritt als gemeinnützige Selbsthilfeorganisation die Interessen der Patienten mit Tinnitus, Hörsturz, Hyperakusis und Morbus Menière sowie ihrer Angehörigen. Rund 13.000 Mitglieder machen die DTL zum größten Tinnitus-Zusammenschluss in Europa und zum anerkannten Partner des Gesundheitswesens in Deutschland. Über 800 Fachleute gehören der DTL als Partner und fördernde Mitglieder an, darunter renommierte Wissenschaftler, HNO-Ärzte, Ärzte weiterer Disziplinen, Hörgeräteakustiker, Psychologen und Therapeuten. Außerdem werden rund 90 Selbsthilfegruppen in Deutschland durch die DTL betreut. Gegründet wurde die Deutsche Tinnitus-Liga e. V. 1986 in Wuppertal.

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